DER SPIEGEL

Aus dem Fußballstar wurde ein Gesellschaftslöwe, der den Smoking so selbstverständlich zu tragen wußte wie das rotweiße oder schwarzweiße Trikot.


Beckenbauer – Libero auf der Flucht.


Beckenbauer, Postbeamtensohn aus Giesing, landet nicht, wie es nach seiner Herkunft vorgesehen gewesen wäre, beim (proletarischen) Club München 1860, den "Sechzigern" auf Giesings Höhen, sondern beim feinen Schwabinger Club der Bayern.


Beckenbauers Knall-und Fall-Reise nach Amerika (statt 1978 nach der Weltmeisterschaft in Argentinien gleich nach Ende der laufenden Saison) läßt sich ohne große Mühe als Flucht deuten und auslegen.


Beckenbauers Nationalverständnis läuft voll auf der Schiene Leistung und Lohn.


Das Idol der Nation setzte durch, daß der Eid aller Spieler vor Länderspielen ("Elf Freunde wollen wir sein"), mit Händchenhalten und Tränen in den Augen, abgeschafft wird.


Denn das Fußballspielen war für ihn auch und vor allem Flucht vor allen dunklen, als schmuddelig empfundenen, Trieben in ein Saubermann-Leben.


Der abrupte Abschied, den Deutschlands Sportler Nummer eins, Bayern-Kapitän und Spielführer der Nationalelf Franz Beckenbauer, nimmt, hat eine Nation verstört: Eine Woge der Empörung droht das Idol aus der Bewunderung hinwegzuschwemmen – die Deutschen fürchten um ihre Fußball-Zukunft, weil der Kaiser nach Amerika geht.


Der nun auch gesellschaftlich mit Recht so genannte Kaiser ließ sich seine Anzüge in Wien schneidern, gewann Freunde aus dem Unternehmertum und der Politik, stattete seine 1,6-Millionen-Mark-Villa mit geschnitzten Truhen und einem lila Rundbett aus, gab elegante Partys und 1975 den Wunsch von sich, Arzt werden zu wollen.


Der Vereinslokal-Dunstkreis, die Vorstellung, daß sich außerhalb des Trainings und des Spiels die Fußballer auch noch zusammensetzen, womöglich noch, wie das Frau Lattek in München tat, mit entsprechenden Kränzchen der Fußball-Ehefrauen, das alles ist ihm ein Horror.


Ein Mann, der den Ball streichelt und behandelt wie der Vogelfreund das rohe Straußenei.


Er verläßt nicht nur ein Land, sondern einen Fußballkontinent.


Er wechselt seine Frisuren so oft wie Arminia Bielefeld die Liga, Lothar Matthäus die Freundin und Franz Beckenbauer die Meinung.


Es mag dieses Gefühl fußballerischer Endlichkeit gewesen sein, das Beckenbauer zum gesellschaftlichen Überläufer machte, der zwar nur dem Fußball lebte, aber vom Fußball außerhalb der Dienststunden nichts wissen wollte – sein Schalter war dann geschlossen.


Für Beckenbauer, der auf Niederlagen stets erstaunlich depressiv reagiert, was ihn in seinen besten Jahren zu einem trotzigen "Jetzt-erst-recht!" beflügelt, mag es psychisch schon schwer zu verkraften gewesen sein, wenn der "Welt bester Fußballer" in jüngster Zeit im Zentrum einer Mannschaft stand, die aus allen Fugen geriet und von Gegnern wie Hamburg (5:0) und Saarbrücken (6:1) regelrecht niedergebügelt wurde.


Fußball als Leidenschaft und doch als kühl durchkalkulierter Job – das unterscheidet Beckenbauer von seinen Vorläufern als National-Idol.


In den Wahlkämpfen von heute sind die Politiker längst nicht mehr nur Politiker. Sie sind PR-Manager in eigener Sache, Stars einer Inszenierung, die das Publikum mit demoskopischen Daten, mit Talkshows und Werbegags unterhält. Entscheidend ist, wie sie sich in Szene setzen und wer sich dabei durchsetzt, Images sind wichtiger als Inhalte.


Mercedes, Porsche, Beckenbauer – in diesem Dreiklang sind die Deutschen der staunenden Umwelt in den letzten Jahren aufgefallen.


Nun also geht der Hinterhofkicker aus Münchens Stadtteil Giesing, der als Junge seine Blechbüchse schon mal in Richtung knutschender Pärchen in Hauseingänge bolzte, in ein Land, wo der Fußball nicht einmal Fußball heißt, sondern Soccer, und wo in den Slums mit Stock und Fanghandschuh Baseball gespielt wird.


Obwohl er die Knochenschlachten und Säbeleien der Weltmeisterschaften in England und Mexiko entscheidend mitbestimmt, übersteht er sie, wegen seiner technischen Brillanz und seines schnellen Auges, nahezu unverletzt und unbeschadet.


Obwohl er für den Verein und für sein Land mehr Trophäen einheimste als jeder andere Spieler (er war 103mal in der Nationalmannschaft) steht er Vereinsmeierei, nationalem Rummel, patriotischer Nestwärme cool, ja skeptisch gegenüber.


Recycling besagt, daß die alten Flaschen immer wieder verwendet werden können, das ist wie bei uns in der Partei.


Seit Heinrich IV. in Canossa sich seine bloßen Füße im Schnee wundstand, seit Ludwig II. im Starnberger See umnachtet baden ging und Wilhelm der Zwote im holländischen Exil Bäume zersägte, ist keine Majestät im Bewußtsein der Nation so tief gesunken wie "Kaiser Franz".


Spätestens seit die Fritz-Walter-Elf 1954 in Bern aus der Außenseiter-Position heraus die favorisierten Ungarn besiegt hatte, wurde der Fußball in Deutschland zum Balsam für die Wunden eines gestörten Selbstverständnisses. Der Rasen, der von da an die Welt bedeutete, wurde zum Schlachtfeld der befleckten deutschen Ehre.


Verläßt da eine Ratte ein sinkendes Schiff, verbrennt ein von der Presse Gehetzter alle Brücken hinter sich, greift da ein in Lebensangst Ertrinkender nach dem rettenden Strohhalm?


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