Friedrich Rückert

“Herr! die Schönheit dieser Erde, // Gib, daß sie die Sehkraft wecke // Meines Auges, nicht ihm werde // Eine Blindheits-Zauberdecke.” – Liebesfrühling, Dritter Straus: Zwischenspiel, der Zeit nach: Vorspiel Nr. 81. In: Gesammelte Gedichte. 1. Band, 2. Auflage. Erlangen: Heyder. S. 324. Google Books


“Was schmied’st du Schmied? »Wir schmieden Ketten, Ketten!« »Ach in die Ketten seid ihr selbst geschlagen.«” – Auswahl in sechs Bänden, Bd. 2, Berlin, o. J., Geharnischte Sonette 3, Seite 5


“Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise; Gesellschaft braucht der Tor, und Einsamkeit der Weise.” – Die Weisheit des Brahmanen, XVI-I, 6


“Der Übersetzung Kunst, die höchste, dahin geht, // Zu übersetzen recht, was man nicht recht versteht.” – Die Weisheit des Brahmanen, IX, 58


“Die Demut ehre du, und zu der Demut Ehren sei gegen Stolze stolz, um Demut sie zu lehren.” – Die Weisheit des Brahmanen, I, 40


“Du klagest, dass die Welt so unvollkommen ist, und fragst warum? Weil du so unvollkommen bist!” – Die Weisheit des Brahmanen, V, 69


“Mit Andacht lies, und dich wird jedes Buch erbauen; Mit Andacht schau, und du wirst lauter Wunder schauen; Mit Andacht sprich nur, und man hört dir zu andächtig; Mit Andacht bist du stark, und ohn’ Andacht ohnmächtig.” – Die Weisheit des Brahmanen X, 98


“Schlecht ist das Schlechte nicht, denn das verkennt man selten; das Mittelmäß’ge ist’s, das leicht für gut kann gelten.” – Die Weisheit des Brahmanen XVI-I, 68


“Schlimm sind die Schlüssel, // die nur schließen auf, nicht zu; // Mit solchem Schlüsselbund im Haus // verarmest du.” – Die Weisheit des Brahmanen III.46-19


“Vom Übermaß der Lust wird Leid hervorgebracht; das Auge selber weint, sobald man heftig lacht.” – Die Weisheit des Brahmanen, XVI-I, 22


“Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern derjenige, welcher sein Leben am meisten empfunden hat.” – Stammt von Jean-Jacques Rousseau, “Emile” Bd.I


O ihr Nachtgestirn’ am blauen Himmelszelt, Die ihr wandelt, ohn’ euch zu verirren! Nur dem Menschen ist’s gegeben, Gottes Welt Liebend, hassend, strebend zu verwirren.


Wer eine Sünde begangen hat und schiebt sie einem Unschuldigen zu, der trägt nun doppelt: seine Tat und der Verleumdung Schuld dazu.


Je höher du wirst aufwärt gehn, dein Blick wird immer allgemeiner; stets einen größeren Teil wirst du vom Ganzen sehn, doch alles Einzelne wird immer kleiner.


Wenn du willst im Menschenherzen Alle Saiten rühren an, Stimme du den Ton der Schmerzen Nicht den Klang der Freuden an. Mancher ist, der wohl erfahren Hat auf Erden keine Lust; Keiner, der nicht still bewahren Wird ein Weh in seiner Brust.


Sei gut und laß dir von den Menschen Böses sagen; Wer eigne Schuld nicht trägt, kann leichter fremde tragen.


Der Himmel ist nur da, die Erde zu ergänzen.


Weil ich nichts anders kann als nur dich lieben, will ich dich lieben denn so viel ich kann. Zu hassen dich hatt’ ich mir vorgeschrieben, mit Hasse sah das Herz die Vorschrift an. Dich zu vergessen hatt’ ich mich getrieben; vergessen war es eh ich mich besann. Da so der Haß ward von sich selbst zerrieben, so das Vergessen in sich selbst zerrann; so laß mich lieben denn, so viel ich kann, dich lieben, weil ich nichts anders als dich lieben kann.


Wuchern wird der Aberglaube, Wo man fort den Glauben warf.


Das Fleckchen an der Wang ist eine Zier, das schwarze; doch wenn es zu groß wird, so ist es eine Warze.


Ein Weiser ist, wer Scherz und Ernst zu sondern weiß, Und sich am heiteren Spiel neu stärkt zu strengem Fleiß.


Wer nicht sein eigner Freund, dein Freund kann der nicht sein; Auch der nicht, wer nur ist sein eigner Freund allein.


Lerne von der Erde, die du bauest, die Geduld; Der Pflug zerreißt ihr Herz, und sie vergilt’s mit Huld.


Helft, Ritter, wenn ihr Ritter seid, seid Retter!


Das Vieh geht blindlings auf der Trift Die heilsamen Kräuter weiden. Aber der Mensch lernt Heil und Gift Nur durch Erfahrung unterscheiden.


Vom Aberglauben ist Unglauben stets begleitet, Und Aberglauben hat zum Glauben oft geleitet. So im Unglauben ist der Glaube schon enthalten; Durch Gottes Kraft erweckt, wird er sich draus entfalten.


Gleich von unbegrenztem Sehnen, Wie entfernt von träger Ruh’, Müsse sich mein Leben dehnen, Wie ein Strom dem Meere zu.


Der unerfüllte Wunsch Gut ist’s, einen Wunsch zu hegen In der Brust geheimstem Schrein, Mit dem Wahn, an ihm gelegen Sei dein volles Glück allein. Gut ist’s, daß der Himmel immer Dir verschiebt die Wunschgewähr Denn beglückt, du wärst es nimmer, Und du hofftest es nicht mehr.


Tu’s, willst du Gutes tun, und frage kein Orakel; Des edlen Mannes Herz ist Gottes Tabernakel.


Am Abend wird man klug für den vergang’nen Tag, doch niemals klug genug für den, der kommen mag.


Am besten machst gleich dein Ding im Anfang recht; Nachbesserung macht oft Halbgutes völlig schlecht.


Auf Künft’ges zähle nicht und zähl’ nicht auf Versprochenes; klag um Verlornes nicht und denk nicht an Zerbrochnes.


Das beste Werk auf Erden ist, Korn in die Scholle säen, Und aller Freuden reichste ist, Die vollen Schwaden mähen. Rund geht der Wurf des Sämanns und rund des Schnitters Eisen des ganzen Lebens auf und ab liegt zwischen diesen Kreisen.


Dem Manne borge du kein Geld, der sein Gebet nicht pünktlich hält. Wer Gottes Schuldigkeit vergißt, zahlt auch nicht, was er schuldig ist.


Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise, Gesellschaft braucht der Tor und Einsamkeit der Weise.


Der Verstand ist im Menschen zu Haus wie der Funken im Stein; er schlägt nicht von sich selbst heraus, er will herausgeschlagen sein.


Du mußt nach oben schaun, zu sehn, wieviel noch Stufen des Bess’ren übrig sind, wozu du bist berufen. Du mußt nach unten schaun, um auch zu sehn zufrieden, wieviel dir Beßres schon als anderen beschieden.


Durch Schaden wird man klug! sagen alle klugen Leute. Schaden litt ich genug, doch bin ich ein Tor noch heute.


Frage nicht, was das Geschick morgen will beschließen, unser ist der Augenblick, laß uns den genießen!


In tausend Blumen steht die Liebesschrift geprägt, wie ist die Erde schön, wenn sie den Himmel trägt!


Man glaubt die Wahrheit nicht, wenn sie ein Armer spricht, doch selbst die Lüge glaubt man einem reichen Wicht.


Nie stille steht die Zeit, der Augenblick entschwebt, und den du nicht benutzt, den hast du nicht gelebt.


Nur aufs Ziel zu sehen, verdirbt die Lust am Reisen.


Schlägt dir die Hoffnung fehl, nie fehle dir das Hoffen! Ein Tor ist zugetan, doch tausend sind noch offen.


Sind ein Paar kalter Freunde Winter und Alter: Winter schröpfend, Alter erschöpfend; Winter zwackend, Alter plackend; Winter pustend, Alter hustend; Winter geht, Alter steht: Gerne wär’ ich der beiden quitt, nähme Winter das Alter mit.


Wenn Freund zu Freund kommt, stirbt des Verleumders Macht.


Wie Wind im Käfige, wie Wasser in dem Siebe ist guter Rat im Ohr der Torheit und der Liebe


Wieviel du wünschen magst, der Wunsch wird weitergehn, und Glück ist da nur, wo die Wünsche stille stehn.


Wolle nur was du sollst, so kannst du was du willst.


Zur Weggenossenschaft gehören beide Gaben, nicht bloß ein gleiches Ziel, auch gleichen Schritt zu haben.


Schön ist der Tropfen Tau am Halm und nicht zu klein, der großen Sonne selbst ein Spiegelglas zu sein.


Wie sich die Zeit des Verstandes verschiebt, da doch die Jahre nicht säumen: Leider in Träumen und Schäumen sind mir so viele verstaubt und verstiebt. Neigung, sie läßt sich nicht zäumen, wie das Laub in den Bäumen unwiderstehlich von frischem schiebt. So in den blühenden Räumen des Frühlings bin ich nun wieder verliebt.


Ein Wunder ist die Welt, das nie wird ausgewundert, das niederschlägt den Geist und wieder ihn ermuntert.


Die sich durch Irrtümer durchkämpfend zur Wahrheit gelangen: die sind die Weisen!


Sage: Ich bin Ich! Und wie du sagest, fühl es auch in deinem kleinen Ich des großen Iches Hauch.


Der Teufel hat die Welt verlassen, die weil er weiß, die Menschen sich auch ohn’ ihn hassen und machen sich die Hölle heiß.


Zwischen Welt und Einsamkeit ist das rechte Leben. Nicht zu nah und nicht zu weit will ich mich begeben. In der Straßen lautem Drang Find’ ich mich zu blöde; Aber einen Schauer, bang, Fühl’ ich in der Öde.


Das sind die Weisen, Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen, die bei dem Irrtum verharren, Das sind die Narren.


Dein Vergangenes ist ein Traum und dein Künftiges ist ein Wind. Hasche den Augenblick, der ist zwischen den beiden, die nicht sind.


Ich sehe klar genug, was ich zu sehen brauche; die ganze Schöpfung lebt von Gottes Lebenshauche. Wie sie den Hauch empfing, das ist von Nacht umhangen. Wir aber preisen Gott, daß sie den Hauch empfangen.


Ich bin mit meiner Liebe vor Gott gestanden, und stellte diese Triebe zu seinen Handen. Ich bin von diesen Trieben nun unbetreten: Ich kann dich, Liebster, lieben zugleich und beten.


Der du erschufst die Welt, ohn ihrer zu bedürfen, Erschaffen hast du sie nach deiner Lieb Entwürfen, Nach deiner Weisheit Plan, dem Zwecke deiner Macht, und kein Nachdenken denkt, was du hast vorgedacht.


Ich liebe Dich, weil ich dich lieben muß; ich liebe dich, weil ich nicht anders kann ich liebe dich nach einem Himmelsschluß: ich liebe dich durch einen Zauberbann. Dich lieb’ ich wie die Rose ihren Strauch; dich lieb’ ich, wie die Sonne ihren Schein; dich lieb’ ich, weil du bist mein Lebenshauch; dich lieb’ ich, weil dich lieben ist mein Sein.


Im Herzen stehest Du und bist der Liebe Geist. Und Dich erkennt das Herz, das Dich mit Liebe preist.


Die Welt ist schön, die Welt ist gut, gesehen als Ganzes, Der Schöpfung Frühlingspracht, das Heer des Sternentanzes, Die Welt ist schön, ist gut gesehn im einzelst Kleinen; Ein jedes Tröpfchen Tau kann Gottes Spiegel scheinen.


Herr, deine Welt ist schön, deine Welt ist gut; Gib mir nur hellen Sinn, gib mir nur frohen Mut! Ich fühle, daß ich bin, ich fühle, daß du bist, Und daß mein Sein von dir ein selger Abglanz ist.


Gott ist von keinem Raum, von einer Zeit umzirkt, Denn Gott ist da und dann, wo er und wann er wirkt. Und Gott wirkt überall, und Gott wirkt immerfort; Immer ist seine Zeit und überall sein Ort.


Das Unsichtbare siehst du klar im Sichtbarn nur, Und nichts im Sichtbarn als des Unsichtbarn Spur.


Gesell’ dich einem Bessern zu, daß mit ihm deine besser’n Kräfte ringen. Wer selbst nicht weiter ist als du, der kann dich auch nicht weiterbringen.


Niemals, ob die Uhr du stellen magst zurück, kehrt die versäumte Zeit und ein verträumtes Glück.


Daß du mich liebst, macht mich mir wert.


Erfahren muß man stets, Erfahrung wird nie enden, und endlich fehlt die Zeit, Erfahrenes anzuwenden.


Aus bittren Meeren zieht die Sonne süßes Wasser, so zieh auch Liebe du aus Herzen deiner Hasser.


Wer etwas ist, bemüht sich nie zu scheinen. Wer scheinen will, wird niemals etwas sein.


So soll ich leben, daß ich hätte, wenn ich scheide, gelebet mir zur Lust, und anderen nicht zu Leide.


Das Alte wird nie alt, es wird nur alt das Neue.


Auch Reichtum ist eine Kraft, so gut wie Weisheit und Stärke, kann werden nicht minder ehrenhaft, verwendet zum Menschenwerke.


Du bringst nichts mit hinein, du nimmst nichts mit hinaus, laß eine goldene Spur im alten Erdenhaus.


Das Leben ist nur dem an steten Wonnen reich, der froh bewußt es sich und andern lebt zugleich.


Mit Unvollkommenheit zu ringen ist das Los Des Menschen, ist sein Wert und nicht sein Mangel bloß. Was unvollkommen ist, das soll vollkommen werden; Denn nur zum Werden, nicht zum Sein, sind wir auf Erden.


Dein Leben ist ein Strom; o laß dich nicht verdrießen, durch manchen Berg gehemmt, dem Meere zuzufließen.


Sechs Wörtchen nehmen mich in Anspruch jeden Tag: ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag.


Welch Herz noch etwas liebt, das ist noch nicht verlassen.


Ich bin gekommen, ich weiß nicht woher; Ich werde gehen, und weiß nicht wohin; Doch, wo ich sein mag, das ist Er, Er ist bei mir, wo ich bei Ihm bin.


Ist Liebe so verstrickt oder ich so ungeschickt? Als ich es mit ihr begonnen, und ihr Netz mich eingesponnen, wenn sie manch Kuß mir lieh, ob sie liebte? wuß’t ich nie. Und nachdem das Netz zerrissen, schein’ ich noch es nicht zu wissen, wenn sie einen Blick mir gibt, ob sie mich noch jetzo liebt?


Wer Gott finden will, der muß ihn mit sich bringen, nur wenn er in dir ist, siehst du ihn in den Dingen.


Es sollen ein Gebet die Worte nicht allein, es sollen auch ein Gebet die Gedanken sein.


Laß deine Zunge gleich der Zunge sein der Waage; Kind, wo sie stille steht, ist ihre beste Lage.


Zuwenig und zuviel ist beides ein Verdruß; so fehl ist überm Ziel wie unterm Ziel ein Schuß. Zuwenig und zuviel ist gleich sehr unvollkommen; im ernst ist und im Spiel das rechte Maß willkommen.


Tu, was du kannst, und laß das andre dem, der’s kann; zu jedem ganzen Werke gehört ein ganzer Mann.


Ein Vater soll zu Gott an jedem Tag beten: Herr, lehre mich, dein Amt beim Kinde zu vertreten.


Die gewonnene Einsicht Was ich ahnte, was ich träumte, war so viel, doch nicht genug, bis ich weg die Zweifel räumte und die Dunkelheit zerschlug. Ist nun mehr die vielgepries’ne Einsicht als der Dämmerflor ? Minder scheint das Klarbewies’ne, als mir dunkel schwebte vor. Reizen mag nur als unendlich, dessen Ziel du nicht gesehn; und was dir erst ward verständlich, ist nicht wert mehr zu verstehn.


Mein Liebchen hat das Herz sich abgeschlossen, den Schlüssel drauf geworfen in die See. Dort hängt er tief, wo die Korallen sprossen, vergebens taucht nach ihm hinab mein Weh.


Wer zwingen will die Zeit, den wird sie selber zwingen; Wer sie gewähren lässt, dem wird sie Rosen bringen.


Wie könnte denn ein Mensch aus Gottes Liebe fallen?


Auf das, was dir nicht werden kann, sollst du den Blick nicht kehren, oder ja, sieh recht es an, so siehst du gewiß, du kannst’s entbehren.


Becherrand und Lippen, zwei Korallenklippen, wo auch die gescheitern Schiffer gerne scheitern.


Des Menschen Schuldbuch ist sein eigenes Gewissen, darin durchstrichen wird kein Blatt, noch ausgerissen.


Daß sie die Perle trägt, das macht die Muschel krank, Dem Himmel sei für Schmerz, der dich veredelt, Dank!


Ein gut Wort, gut gesagt und auch gut aufgenommen, dazu gut angewandt, mag uns zugute kommen.


Die Rose stand im Tau, es waren Perlen grau, als Sonne sie beschienen, wurden sie zu Rubinen.


Möge jeder still beglückt seiner Freuden warten! Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten.


Die Sorg’ um Künft’ges niemals frommt; Man fühlt kein Unglück, bis es kommt. Und wenn man’s fühlt, so hilft kein Rat: Weisheit ist immer zu früh und zu spat.


Wer fröhlich sein will sein Leben lang, lasse der Welt ihren tollen Gang.


Wiedersehn Deine Kinder, hier verloren, wirst du droben wiedersehn; denn was aus dir ist geboren, kann dir nicht verloren gehn. Daß du einst sie wiedersehest, dieses kannst du wohl verstehn, wenn du auch nicht das verstehest, wie du sie wirst wiedersehn. Nicht als Kinder; oder wolltest du sie ewig halten klein? Nicht gealtert; oder solltest du entfremdet ihnen seyn? Die hier streitenden Gestalten, dort wo sie verglichen sind, wo nicht Mann und Weib sich spalten, trennt sich auch nicht Greis und Kind.


Allein ist besser als mit Schlechten im Verein, mit Guten im Verein ist besser als allein.


Mit vierzig Jahren Mit vierzig Jahren ist der Berg erstiegen, wir stehen still und schaun zurück. Dort sehen wir der Kindheit stilles liegen und dort der Jugend lautes Glück. Noch einmal schau, und dann gekräftigt weiter erhebe deinen Wanderstab! Hindehnt ein Bergesrücken sich, ein breiter, und hier nicht, drüben gehts hinab. Nicht atmend aufwärts brauchst du mehr zu steigen, die Ebne zieht von selbst dich fort; dann wird sie sich unmerklich mit dir neigen, und eh du’s denkst, bist du im Port.


Dein Auge kann die Welt trüb oder hell dir machen. Wie du sie ansiehst, wird sie weinen oder lachen.


Sieh! keinen Tropfen Wasser schluckt das Huhn, Ohn’ einen Blick zum Himmel auf zu tun; Und ohne vor anbetend sich zum Staube Geneigt zu haben, pickt kein Korn die Taube. Was sie bewußtlos tun, tu du’s bewußt; Daß du vor ihnen dich nicht schämen mußt.


Nur wer Ansprüche macht, fühlt sich zurückgesetzt.


Trifft dich des Schicksals Schlag, so mach es wie der Ball: Je stärker man ihn schlägt, je höher fliegt er all.


Ein ewig Lieb’ ist karg und leer, ein wenig Lieb’ ist keine; viel Lieb’ ist eben auch nicht mehr, Lieb’ ist die völlig eine: Lieb’ ist nicht wenig und nicht viel, denn Lieb’ ist ohne Maß und Ziel.


Mit allem wird von selbst Vergnügen sich verbinden, Vergnügen aber, das man sucht, ist nicht zu finden.


Mit Andacht lies, und dich wird jedes Buch erbauen; mit Andacht schau, und du wirst lauter Wunder schauen; mit Andacht sprich nur, und man hört dir zu andächtig; mit Andacht bist du stark, ohn Andacht ohnmächtig.


Des Menschen ganzes Glück besteht in zweierlei: Daß ihm gewiß und ungewiß die Zukunft sei.


Du fragst, wie auf den Baum der Apfel sei gekommen? Ein andrer hat indes ihn schweigend abgenommen.


Am Walde hätte nicht die Axt so leichtes Spiel, hätt’ ihr der Wald nicht selbst geliefert den Stiel.


An Sittensprüchen hat der Arge sein Vergnügen, nicht um danach zu tun, doch um damit zu trügen.


Aus Eigennutz entspringt die Dankbarkeit der meisten für einen Dienst, den ihr geleistet oder leistet.


Besser laut ein kurzer Zank als lang heimlich zankhaft.


Das Hündlein wedelt, dir sein Futter abzuschmeicheln. Den edlen Hengst, damit er’s annimmt, mußt du streicheln.


Das kleine Pfefferkorn sieh für gering nicht an. Versuch es nur und sieh, wie scharf es beißen kann!


Das Mittelmaß ist gut dem Alter wie der Jugend, nur Mittelmäßigkeit ist keine Tugend.


Der Weihrauch duftet nur, wo ihn die Glut verzehrt; leid in Geduld, o Herz, so bist du Gottes wert.


Dich hüten mußt du selbst, und Gott muß dich bewahren.


Die Demut ehre du, und zu der Demut Ehren sei gegen Stolz, um Demut sie zu lehren.


Die Sittlichkeit allein ersetzt den Glauben nicht; doch weh’ dem Glauben, dem die Sittlichkeit gebricht.


Die Vorsicht geht zu sacht, die Zuversicht zu keck; Vorsicht, mit Zuversicht vereint, gelangt zum Zweck.


Die Zukunft habt ihr, ihr habt das Vaterland, Ihr habt der Jugend Herz, Erzieher, in der Hand. Was ihr dem lockeren Grund einpflanzt, wird Wurzeln schlagen, Was ihr dem zarten Zweig einimpft, wird Früchte tragen, Bedenkt, daß sie zum Heil der Welt das werden sollen, Was wir geworden nicht und haben werden wollen.


Die Zwei ist Zweifel, Zwist, ist Zwietracht, Zwiespalt, Zwitter; die Zwei ist Zwillingsfrucht am Zweige süß und bitter.


Drei Menschen auf einmal verdirbt Verleumdungsgift: Den, der sie spricht, den, der sie hört, den, so sie trifft.


Du mußt allerlei hören, es darf dein Herz nicht stören, du wirst auch mancherlei reden, es wird nicht rühren jeden.


Ein leicht erwärmter Freund wird leicht erkältet sein.


Ein Tor ist zugetan, doch tausend sind noch offen – laßt uns hoffen.


Freigiebig ist nicht, wer nur gibt, wo ihm kein Mangel droht; freigiebig ist, wer Hunger hat und teilt mit dir sein Brot.


Gesellschaft braucht der Tor, und Einsamkeit der Weise.


Gib nicht zu schnell dein Wort, so brauchst du’s nicht zu brechen; viel besser ist es, mehr zu halten, als versprechen.


In einer guten Eh’ ist wohl das Haupt der Mann, jedoch das Herz das Weib, das er nicht missen kann.


Lebe von der Welt geschieden, und du lebst mit ihr in Frieden.


Man lebt nicht zweimal und wie groß ist deren Zahl, die leben auf der Welt auch einmal nicht einmal.


Mancher wähnt sich frei, und siehet nicht die Bande, die ihn schnüren.


Mit jeder Sprache mehr, die du erlernst, befreist du einen bis dahin in dir gebundenen Geist.


Nicht das Schönste auf der Welt soll dir am meisten gefallen; sondern, was dir wohlgefällt, sei dir das Schönste von allen.


Nichts wie die Schmeichelei ist so gefährlich dir; du weißt es, daß sie lügt, und dennoch glaubst du ihr.


Oft nach einem Tag, oft schon nach einer Stunde belächelst du den Schmerz und fühlst nicht mehr die Wunde.


Wohl endet Tod des Lebens Not, Doch schauert Leben vor dem Tod. Das Leben sieht die dunkle Hand, Den hellen Kelch nicht, den sie bot. So schauert vor der Lieb’ ein Herz, Als wie vom Untergang bedroht. Denn wo die Lieb’ erwachet, stirbt Das Ich, der dunkele Despot. Du laß ihn sterben in der Nacht Und atme frei im Morgenrot!


Verdiente Kronen schmücken – unverdiente drücken.


Verschieb nicht, was du heut besorgen sollst, auf morgen; denn morgen findest du was Neues zu besorgen.


Vom Übermaß der Lust wird Leid hervorgebracht; das Auge selber weint, sobald man heftig lacht.


Was Du sprichst, das halt. Gebrochenes Versprechen ist gesprochenes Verbrechen.


Daß du die Rose hast, das merkst du erst am Dorn.


Wer einem Fremdling nicht sich freundlich mag erweisen, der war wohl selber nie im fremden Land auf Reisen.


Wer sagt: Ich bin Gott nah!, der ist ihm fern geblieben; Wer sagt: Ich bin Gott fern!, der ist ihm nah durch Lieben.


Wo du streiten siehst zwei Drachen, tritt als Mittler nicht dazwischen; denn sie möchten Friede machen und dich selbst beim Kopf erwischen.


Die Liebe sprach: In der Geliebten Blicke Mußt du den Himmel suchen, nicht die Erde, Daß sich die beßre Kraft daran erquicke, Und dir das Sternbild nicht zum Irrlicht werde. Die Liebe sprach: In der Geliebten Auge Mußt du das Licht dir suchen, nicht das Feuer, Daß dir’s zur Lamp’ in dunkler Klause tauge, Nicht dir verzehre deines Lebens Scheuer. Die Liebe sprach: In der Geliebten Wonne Mußt du die Flügel suchen, nicht die Fesseln, Daß sie dich aufwärts tragen zu der Sonne, Nicht niederziehn zu Rosen und zu Nesseln.


Seufzend sprach ich zu der Liebe, als ich sie entschleiert sah: “Ach, daß so Dein Antlitz bliebe meinen Blicken ewig nah! Doch wie Dich die Sehnsucht freier schauet einen Augenblick, senket wieder sich der Schleier und verdüstert mein Geschick.” Liebe sprach: “In ewig reinem Lichtestrahl ich – o du Tor: Nicht von meinem, sondern deinem Angesichte hängt der Flor!”


Nicht was du bist, ist, was dich ehrt. Wie du es bist, bestimmt deinen Wert.


Verzage nicht, wenn ab die welke Hoffnung fiel: Die neue schon erhebt sich jung auf frischem Stiel.


Liebe ist die ältest’ neu’ste einz’ge Weltbegebenheit.


Mit heiterm Angesicht der Erde Leiden tragen, Das ist des Himmels Lust, das läßt uns nicht verzagen.


Unglücklich ist nur der, wer sein Glück mit keinem teilt, und vor dem Unglück bangt, noch eh’ es ihn ereilt.


Es gibt gewisse Dinge, die sind unfaßbar und kaum zu glauben, daß Menschen sie vollbringen können. Sie können lügen, ohne mit der Wimper zu zucken.


Du bist ein Schatten am Tage Du bist ein Schatten am Tage Und in der Nacht ein Licht; Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. Wo ich mein Zelt aufschlage, Da wohnst du bei mir dicht; Du bist mein Schatten am Tage Und in der Nacht mein Licht. Wo ich auch nach dir frage, Find ich von dir Bericht, Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. Du bist ein Schatten am Tage Und in der Nacht ein Licht; Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht.


Im selben Maß du willst empfangen, mußt du geben; Willst du ein ganzes Herz, so gib ein ganzes Leben.


Nur dem ist Reichtum gut, der ihn mit gutem Fleiß erworben hat und ihn gut anzuwenden weiß.


Lebt in der Gegenwart! Zu leer ist und zu weit Der Zukunft Haus, zu groß das der Vergangenheit.


Nimm ein leichtes Wort nicht so schwer, gönne ihm nicht den Triumph. Was ein Steinwurf trübt, ist kein Meer, sondern es ist ein Sumpf.


Das Gute tust du nicht, um zu empfinden Lust; Die Lust empfindest du, weil du das Gute tust.


Wenn dir in Zornesglut dein sterblich Herz will wallen, Sag ihm: Weißt du, wie bald du wirst in Staub zerfallen?


Im Kleinen wirke recht und bilde treu das Schöne, damit an Höheres sich sanft der Trieb gewöhne.


Glück hilft nur manchmal, Arbeit immer.


Der Jugend steht es an, gefoppt zu werden; Doch traurig ist ein Tölpel ist der Glatze.


Ein Irrtum weggeräumt, gibt einen wahren Satz; So durch Irrtümer selbst wächst stets der Wahrheit Schatz.


Kehr’ in dich still zurück, ruh’ in dir selber aus, so fühlst du höchstes Glück.


Die Liebe stört als wie der Haß das Gleichgewicht Der Seele, das der Welt stören beide nicht.


Ein Wanderer, wenn er geht, gesellt sich mt einem andern, Wird gut tun, Schritt mt ihm zu halten unterm Wandern. Vorwärts vergnüglicher geht es im gleichen Takt, Als wenn entgegen stets ein Schritt dem andern hackt.


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