Gerhard Weis

Anders als etwa ARD und ZDF, die sich zu 80 Prozent aus Gebühren nähren können, sind es bei uns gerade 47 Prozent. Den Rest müssen wir auf andere Weise, vor allem mit Werbung verdienen, weil bei uns mit drei Millionen Haushalten der Markt zu klein ist. Die ARD setzt jährlich 80,2 Milliarden Schilling um, der ORF 11,1 Milliarden. Unsere Werbekunden schalten ihre Spots nicht wegen unserer hübschen Augen, die wollen begreiflicherweise Programme. Worum es geht, ist die Mischung. (Auf die Frage: "Ist die Teilfinanzierung des ORF aus gesetzlich vorgschriebenen Gebühren noch zu rechtfertigen?").


Bis vor wenigen Monaten noch haben wir geradezu reflexartig jede Kritik, die an uns geübt wurde, als ungerechtfertigt zurückgewiesen. Das tun wir nicht mehr. Wir überprüfen zuerst einmal den sachlichen Gehalt einer Kritik. Wenn einer recht hat, dann muß er auch recht bekommen, egal in welchem Ton so etwas vorgebracht wird. Wenn er nicht recht hat, dann müssen wir aber mit umso größerer Festigkeit unseren Standpunkt vertreten. Das bedeutet zuzugeben, daß wir nicht unfehlbar sind.


Daß Dr. Haider dem ORF Privilegien vorwirft, ist nicht neu. Sein bevorzugtes Ziel, die Nationalbank, ist ihm abhanden gekommen, jetzt sucht er halt neue Geschäftsfelder. Offenkundig hat er keine Ahnung von den wirklichen Zuständen. Das muß er auch nicht, er ist Landeshauptmann in Kärnten und kein gelernter Medienexperte.


Das wird immer wieder, auch in Deutschland, diskutiert. Lassen Sie es mich so formulieren: In funktionierenden Demokratien, wo die Parteien zweifelsfrei demokratisch auch mit der Meinungsfreiheit und dem Rundfunk umgehen, kann das funktionieren. In allen anderen Fällen ergibt sich daraus ein Staatsrundfunk. (Auf die Anregung: "In den Niederlanden wird öffentlich-rechtlicher Rundfunk aus Steuermitteln statt Gebühren finanziert?").


Der "unzulässige Druck", von dem derzeit die Rede ist, kann auch als "Nachweis für die Unabhängigkeit" des ORF gewertet werden. Wenn einmal niemand mehr unzufrieden ist, dann sind wir total angepaßt in vorauseilendem Gehorsam.


Die aktuelle Situation beinhaltet die Chance einer Reprofessionalisierung des Unternehmens. In den letzten zwanzig Jahren haben sich manche Untugenden und Einäugigkeiten eingeschlichen. Es hat keinen Sinn zu leugnen, daß es in einzelnen Redaktionen bestimmte Naheverhältnisse gegeben hat.


Die derzeit handelnden Medienpolitiker wären nicht einmal imstande, eine Trafik zu führen . . .


Die Wahrheit ist auch, daß der Wettbewerb das Fernsehen nach unten nivelliert hat. Und er hat auch die Preise nicht gedrückt, wie prognostiziert wurde, alles Scheiße! Heute verdienen an diesem Wettbewerb die Programmlieferanten in Hollywood, wahnsinnig gewordene Sportfunktionäre und es verdienen merkwürdige Moderatoren wie diese Frau Nadja, Naddel oder wie auch immer sie heißt. Oder schauen Sie sich an, was der Gottschalk verdient. Dagegen verkümmert das Einkommen eines Bundeskanzlers zu einem Bettel. Das sind die Profiteure! Und wenn einer so geschickt ist wie RTL, dann verdienen auch die Shareholder schon gut. (Auf die Frage: "Verbessert der ORF sein Publikum?").


Einer wichtigen Nachricht ist es egal, wie sie zu Ihnen kommt. Der ORF definiert sich nicht mehr nur über Fernsehen und Radio, sondern auch über Inhalte.


Es geht um Selbstkritik. Wer die Fähigkeit zu Selbstkritik verliert, verliert auch seine Erneuerungsfähigkeit und ist zum Tod verurteilt. Selbstkritik ist nicht unbedingt angenehm.


Es gibt einen Markt, nennen wir ihn 100 Prozent. Von dem wollen sich alle möglichst viel holen. Wenn wir nun das Feld den Privaten überlassen, bleiben die Öffentlich-Rechtlichen auf ihren dann ausnahmslos anspruchsvollen Programmen sitzen. Und es stellt sich viel rascher die Frage nach der Überflüssigkeit eines Systems, das alle zahlen sollen, das aber keiner mehr nutzt. Das ist der Grund, warum überall auf der Welt öffentlich-rechtliche Programme um den Zuschauer kämpfen müssen. (Auf die Frage: "Ist die Teilfinanzierung des ORF aus gesetzlich vorgschriebenen Gebühren noch zu rechtfertigen?").


Es ist vor allem eine Mordsplag'. Wir stehen vor einer digitalen Revolution, die keinen Stein auf dem anderen lassen wird. Ich muß das Unternehmen darauf vorbereiten. Ich habe den definitiven Wunsch, diese vier Jahre abzudienen – Betonung auf dienen – um mich dann meinen Privatinteressen zu widmen.


Es wäre ein verfilmtes Ö1. Aber das steht mir nicht zu, daran darf ich nicht einmal denken. (Auf die Frage: "Wie sieht ihr ideales persönliches Fernsehprogramm aus?").


Ich will respektiert werden. Geliebt werden will ich von meiner Frau und meinen Kindern. Ich muß aber nicht unbedingt Krieg führen.


Medienpolitik heißt bei uns, daß nichts geschieht und alles passiert.


Mitunter neigen Politiker dazu, uns wie einen Politbetrieb zu behandeln. Da ist in aller Freundlichkeit und Klarheit zu sagen: Wir sind ein Unternehmen.


Politische Interventionen gehören im ORF zum Tagesgeschäft, es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht.


Qualität und Quote sind vereinbar.


Solln Sie's doch machen, am besten gleich fünf Sender bundesweit, die Torheit der Regierenden fällt nicht in meine Verantwortung.


Um den öffentlich-rechtlichen Auftrag finanzieren zu können, müssen wir Geld am Markt mit einer Marktleistung verdienen. Wenn wir jetzt ein bißchen mehr Gebühren bekämen, würde das bedeuten, daß unsere Abhängigkeit vom Markt sinkt. Dann könnten wir uns ruhig überlegen, ob wir die eine oder andere Modeerscheinung mitmachen.


Weiß ich auch nicht, vielleicht leben wir tatsächlich in einer Toynbee'schen Zwischenzeit, in der es alte Werte nicht mehr gibt und neue noch nicht sichtbar gefestigt sind. Vielleicht sind wir noch immer nicht fähig, die jenseits von Krieg oder großer Not entstandene Freiheit positiv zu nutzen. In Zeiten von Not gibt es oft einen starken erzwungenen Konsens. Der ist nun zusehends einer kollektiven Dissonanz und Beliebigkeit gewichen. Dennoch wünscht sich deshalb keiner den Krieg zurück. (Auf die Frage: "Warum haben Sie noch keine Gegenstrategie zum Diktat der Spaß-Gesellschaft gefunden?").


Wer als älterer Mensch weise ist, war auch als Junger nicht ganz dumm. Es ist nicht so, daß aus jungen Deppen alte Weise werden.


Wer Werbung – wo auch immer – einschränkt, handelt gegen die Interessen der Wirtschaft.


Wichtig ist das neue "Human Ressource Management": Ein Unternehmen wie der ORF ist nicht mehr als Feudalfürstentum zu führen. Wir brauchen Teamarbeit. Und Führungskräfte dürfen nicht immer nur geliebt werden wollen.


Wichtig ist, im aufrechten Gang zu arbeiten. Ich gebe den Mitarbeitern das Motto: Nicht füttern, nicht reizen, nicht in den Käfig gehen. Also kein vorauseilender Gehorsam, keine Provokationen, sich nicht instrumentalisieren lassen. Denn unser Partner ist das Publikum.


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