Hans Magnus Enzensberger

Alle Bücher, außer den Wörterbüchern, sind zu lang.


An die Stelle des Rezensenten, der immer noch liest und schreibt, obwohl ihm weder das eine noch das andere gelingen will, treten andere Zirkulationsagenten, denen diese Qual erspart bleibt, als da sind: Medienkontakter, Showmaster, Videodesigner – Leute, die instinktiv erkannt haben, was das Störende, das eigentlich Lästige am Literaturgeschäft ist – nämlich der Text, das Buch, die Literatur.


Das Bedürfnis nach Kultur wird nicht aufgezehrt, nur bildet es sich jetzt freiwillig.


Das Kaptial reißt alle nationalen Schranken nieder.


Denn das Dichten ist doch eine absurde Tätigkeit.


Der größte Teil der Mediensphäre hat mit geistiger Produktion wenig zu tun.


Der Stau zeigt eine Verdichtung der Lebensverhältnisse an, die an Freiheitsberaubung grenzt. Wer sich dieser Käfighaltung entziehen kann, lebt luxuriös.


Die Ehre der neuen Männlichkeit heißt Feigheit.


Die Literatur ist frei, aber sie kann die Verfassung des Ganzen weder legitimieren noch in Frage stellen; sie darf alles, aber es kommt nicht mehr auf sie an.


Die Todsünde des Schriftstellers: die Isolation.


Die Überzeugung, daß er es draußen im Lande mit Millionen von Idioten zu tun hat, gehört zur psychischen Grundausstattung des Politikers.


Ein neuer Irrtum ist mir lieber als alle Gewißheiten.


Erst wenn sie die tödlichen Folgen ihrer Handlungen oder Unterlassungen am eigenen Leib verspüren, schlägt die Stunde der Unschuldigen.


Es widerspricht dem Grundgedanken des Asyls, die Guten von den Schlechten zu trennen, nach dem Motto: Wer ein "echter" Asylsuchender ist, entscheide ich.


Gesellschaftskritik oder was sich dafür hält, leidet gemeinhin unter der Vorstellung, sie müsse ihre Gegenstände entlarven.


Gruppenegoismus und Fremdenhaß sind anthropologische Konstanten, die jeder Begründung vorausgehen.


Ich glaube, der Untergang der "Titanic" hat diese enorme Wirkung, weil es kein Fernsehen, kein Radio, kaum Zeitungsbilder gab.


Im Wahlkampf muß man mit dem Wortschatz eines Kindergartens und mit der Grammatik eines Computers auskommen.


Je mehr in der sogenannten Informationsgesellschaft geboten ist, desto besser müssen unsere Filter sein. Eigentlich müßte den Kindern in der Schule beigebracht werden, was sie alles nicht zur Kenntnis zu nehmen brauchen.


Jeder Städtebewohner weiß, daß die Architektur, im Gegensatz zur Poesie, eine terroristische Kunst ist.


Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne: sie sind genauer.


Mißtraue jedem, der sich selber zu kennen glaubt.


Mit immer kürzer werdenden Beinen watschelt die Macht in die Zukunft.


Ungeachtet unseres erheblichen Heizölkonsums leben wir in einer kalten Welt.


Von der Unsterblichkeit sprechen nicht mehr die Priester; sondern die Forscher.


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