Hugo von Hofmannsthal

“Alten Menschen ist die Welt ein hartes, traumloses Ding; was ihre Hände halten, das halten sie.” Die Hochzeit der Sobeide / Kaufmann


Es ist ein entscheidender Unterschied, ob Menschen sich zu anderen als Zuschauer vehalten können, oder ob sie immer Mitleidende, Mitfreudige, Mitschuldige sind: diese sind die eigentlich Lebenden.


Nicht durch unser Wohnen auf dem Heimatboden, nicht durch unsere leibliche Berührung in Handel und Wandel, sondern durch ein geistiges Anhängen von allem sind wir zur Gemeinschaft verbunden.


Wüßt ich genau, wie dies Blatt aus seinem Zweig herauskam, schwieg ich auf ewige Zeit still, denn ich wüßte genug.


Das geliebte Wesen ist immer der Docht in der Liebesflamme.


Das Ungeheuere des Lebens ist nur durch Zutätigkeit erträglich zu machen; immer nur betrachtet, lähmt es.


Das, was den großen Künstler ausmacht, ist ein großer Wille, aber ein Wille, der gewollt wird, nicht der will.


Der Dialekt erlaubt keine eigene Sprache, aber eine eigene Stimme.


Der Mench ist begierig nach vorgestellten Erlebnissen, aber er weigert sich, seine gehabten Erlebnisse zu erkennen.


Die Zeit hat keine Zeit zu warten, sie will erlöst werden.


Eine Flaumfeder kann einen Kieselstein rundschleifen, sofern sie von der Hand der Liebe geführt wird.


Für gewöhnlich stehen nicht die Worte in der Gewalt des Menschen, sondern die Menschen in der Gewalt der Worte.


Geistreicher und schöner als Sprachkritik wäre ein Versuch, sich der Sprache auf magische Weise zu entwinden, wie es in der Liebe der Fall ist.


Ich meine, ganz unrecht hat ein Publikum ja nie.


In Hinsicht auf den Begriff ›Erfahrung, gibt es zwei unangenehme Sorten von Leuten: die, denen Erfahrung mangelt, und die, welche sich auf ihre Erfahrung zu viel zugute tun.


Menschen führen einander durch ihre Seelen wie Potemkin die Kaiserin Katharina durch Taurin.


Reifer werden heißt, schärfer trennen und inniger verbinden.


Und in dem Wie, da liegt der ganze Unterschied.


Wer im Verkehr mit Menschen die Manieren einhält, lebt von seinen Zinsen, wer sich über sie hinwegsetzt, greift sein Kapital an.


Wahre Sprachliebe ist nicht möglich ohne Sprachverleugnung.


Ist der Dichter nicht ein Täter, den wir durchs Schlüsselloch belauschen?


Der gute Geschmack ist die Fähigkeit, der Übertreibung entgegenzuwirken.


Die Macht ist bei den Fröhlichen.


Besitz Großer Garten liegt erschlossen, Weite schweigende Terrassen: Müßt mich alle Teile kennen, Jeden Teil genießen lassen! Schauen auf vom Blumenboden, Auf zum Himmel durch Gezweige, Längs dem Bach ins Fremde schreiten, Niederwandeln sanfte Neige: Dann, erst komme ich zum Weiher, Der in stiller Mitte spiegelt, Mir des Gartens ganze Freude Träumerisch vereint entriegelt. Aber solchen Vollbesitzes Tiefe Blicke sind so selten! Zwischen Finden und Verlieren müssen sie als göttlich gelten. All in einem, Kern und Schale, Dieses Glück gehört dem Traum Tief begreifen und besitzen! Hat dies wo im Leben Raum?


Aufmerksamkeit und Liebe bedingen einander wechselseitig.


In der Gestalt erst ist das Problem erledigt.


Es gibt viel Trauriges in der Welt und viel Schönes. Manchmal scheint das Traurige mehr Gewalt zu haben, als man ertragen kann, dann stärkt sich indessen leise das Schöne und berührt wieder unsere Seele.


Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.


Die Jugend ist so stark, als sie sich ahnt, und zugleich so zart und schwach, als sie sich gebärdet; das ist das Zweideutige an ihr und das Dämonische.


Wo der Wille erwacht, dort ist schon fast etwas erreicht.


Der Adler kann nicht vom flachen Boden wegfliegen; er muß mühselig auf einen Fels oder Baumstumpf hüpfen: Von dort aber schwingt er sich zu den Sternen.


Erfahrung Ich kann so gut verstehen, die ungetreuen Frauen, So gut, mir ist, als könnt ich in ihre Seelen schauen. Ich seh um ihre Stirnen die stumme Klage schweben, Die Qual am langen, leeren, am lebenleeren Leben. Ich seh in ihren Augen die Lust, sich aufzugeben, Im Unergründlichen, Verbotenen zu beben Die Lust am Spiel, die Lust, das Letzte einzusetzen, Die Lust am Sieg und Rausch, am Trügen und Verletzen. Ich seh ihr Lächeln und die heimlichen, die Tränen, Das rätselhafte Suchen, das ruhelose Sehnen. Ich fühle, wie sies drängt zu törichten Entschlüssen, Wie sie ihre Augen schließen und sich quälen müssen; Wie sie für jedes Morgen ein jedes Heut begraben, Und wie sie nicht verstehen, wenn sie getötet haben.


Liebe ist Vorwegnahme des Endes im Anfang, daher Sieg über das Vergehen, über die Zeit, also über den Tod.


Altwerden ist noch immer die einzige Möglichkeit, lange zu leben.


Was ist Kultur? Zu wissen, was einen angeht, und zu wissen, was einen zu wissen angeht.


Die Entfernungen nehmen ab, die Menschen kommen sich näher!


Nicht daß einer alles wisse, kann verlangt werden, sondern daß er indem er um eins weiß, um alle wisse.


Autorität über sich erkennen ist ein Zeichen höherer Menschlichkeit.


Wenn ein Mensch dahin ist, nimmt er ein Geheimnis mit sich: wie es ihm, gerade ihm – im geistigen Sinn zu leben möglich gewesen sei.


Es ist etwas in uns, das über und hinter allen Altern ist und mit allen Altern spielt.


Die wenigsten Leute haben auch nur einen Augenblick ihres Lebens wirklich gewollt, ebensowenig als geliebt.


Es braucht ein ganzes Leben, um einzusehen, wie dinglich – objektiv – sich die Dinge, wie menschlich – subjektiv – die Menschen verhalten.


Es gibt eine Stille des Herbstes bis in die Farben hinein.


Eine Stunde Betrachtung ist besser als ein Jahr Andacht.


Durch Glauben wird leben erst zu Leben, auch in seinen zartesten Gliedern.


Möglichst viel schweigen und dabei heiter bleiben.


Übereinstimmung ohne Sympathie gibt ein widerwärtiges Verhältnis.


Man muß im Ganzen an jemanden glauben, um ihm im Einzelnen wahrhaft Zutrauen zu schenken.


Es gibt nicht zwei Menschen auf der Erde, die nicht durch eine teuflisch ausgedachte Indiskretion zu Todfeinden gemacht werden können.


Wer das Gesellschaftliche anders als symbolisch nimmt, geht fehl.


Es ist immer etwas anderes, ob man eine Haltung, sei es welche immer, wirklich hat, oder ob man vor anderen oder sogar vor sich selber sie zu haben vorgibt.


Auch um die Unterschiede zwischen uns und anderen zu erkennen, bedarf es des erhöhten Augenblickes.


Das eigentlich Dichterische hält sich gleich weit vom Herzlosen und vom Empfindsamen.


Ein gewöhnlicher Verstand ist wie ein schlechter Jagdhund, der die Fährte eines Gedankens schnell annimmt und schnell wieder verliert.


Vorfrühling Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn. Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar. Er schüttelte nieder Akazienblüten Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten. Lippen im Lachen Hat er berührt, Die weichen und wachen Fluren durchspürt. Er glitt durch die Flöte Als schluchzender Schrei, An dämmernder Röte Flog er vorbei. Er flog mit Schweigen Durch flüsternde Zimmer Und löschte im Neigen Der Ampel Schimmer. Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn. Durch die glatten Kahlen Alleen Treibt sein Wehn Blasse Schatten. Und den Duft, Den er gebracht, Von wo er gekommen Seit gestern Nacht.


Das kluge Kind: “Kannst du einen Stern anrühren?” fragt man es. “Ja”, sagt es, neigt sich und berührt die Erde.


Des Teufels Netzwerk in der Welt hat nur den einen Namen – »Geld«.


Was ist innere Freiheit? – Im Einzelnen zugleich das Allgemeine und Notwendige erkennen.


Wo ist dein Selbst zu finden? Immer in der tiefsten Bezauberung, die du erlitten hast.


Denke ich mich und was Zweites dazu – und wär es die Landkarte von Griechenland – so sehe ich wie durch ein Fenster in mich hinein.


Wie man empfindet, so will man empfunden sein.


Man hat etwas weniger Freunde, als man annimmt, aber etwas mehr, als man kennt.


Um überhaupt etwas zu sehen, muß man den Sand aus den Augen kriegen, den die Gegenwart beständig hineinstreut.


Der gefährlichste Gegner der Kraft ist die Schwäche.


Und das ist das einzige, was ein Mann von Niveau sich in jeder schiefen Situation zu sagen hat: man bleibt, was man ist, daran kann eine gute oder schlechte Chance nichts ändern.


… daß ich in Worte ausbrechen möchte, von denen ich weiß, fände ich sie, so würden sie jene Cherubim, an die ich nicht glaube, niederzwingen.


Dein Antlitz Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen. Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben. Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon In frühern Nächten völlig hingegeben Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal, Wo auf den leeren Hängen auseinander Die magern Bäume standen und dazwischen Die niedern kleinen Nebelwolken gingen, Und durch die Stille hin die immer frischen Und immer fremden silberweißen Wasser Der Fluß hinrauschen ließ, wie stieg das auf! Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen Und ihrer Schönheit, die unfruchtbar war, Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz, Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!


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