Joseph Joschka Fischer

1985 habe ich die Politik geheiratet!


Abgeordneter kann grundsätzlich jeder werden. Er muß nur mit anderen streiten können.


Als Waltraut Schoppe ihre erste Rede hielt, haben sich diese CDU-Idioten aufgeführt, das war teilweise richtig gemein. Da sind tief sitzende irrationale Dinge hochgekommen so in der Art, guck an, guck an, hast wohl schon lange nicht mehr, und dazu saß Friedrich Zimmermann mit seinem schiefen Grinsen auf der Regierungsbank und klopfte sich auf die Schenkel. Unsere Frauen haben da in einen Verdrängungssumpf reingestochen, daß es nur so geklatscht hat.


An Auseinandersetzungen ist nichts, aber auch gar nichts Schlechtes, solange das Humanum des Gegenüber grundsätzlich respektiert wird, das heißt, solange man ihn weder psychisch noch physisch kaputtmacht, auch wenn man das oft gern täte.


Auch Grüne müssen durch das Nadelöhr der Realität.


Das Geheimnis der Grünen ist ja, daß sie in unheimlich zähem Streit zu Konsensen finden. Da wundere ich mich oft selbst darüber. Ich nenne das eine Palaverstruktur. Das ist ein bißchen wie bei primitiven Gesellschaftsformen, die sehr demokratisch sind. Jeder hat Sitz und Stimme. Da hebt ein großes Palaver an.


Das ist wie vor einem Gewitter. Die Stimmung vor großen Demonstrationen, wenn Zoff in der Luft liegt, ist vergleichbar einer elektrostatisch aufgeladenen Atmosphäre kurz vor dem ersten Blitz und Donnerschlag.


Das Politische hat mit Kompetenz oft gar nichts zu tun. Sie können sehr kompetent die tollsten Untersuchungen machen. Wenn es Ihnen aber dann nicht gelingt, das an die Menschen heranzubringen, ist es ganz nutzlos.


Das Trinken unter Parlamentariern ist deshalb so verbreitet, weil der Alltag von Streß, Einsamkeit, Beziehungslosigkeit und Konkurrenzdruck geprägt ist. Alkohol ist eine gesellschaftlich sanktionierte Droge, überall frei verfügbar zu wohlfeilen Preisen. Ich habe hier auch eine Zeitlang ziemlich getrunken, allein um schlafen zu können.


Das war auch bei mir eine 49-zu-51-Entscheidung.


Deshalb sagen wir, man muß das allgemeine Konsumniveau herunterschrauben und braucht zugleich eine gerechte Verteilung. Ich kann sehr gut nachvollziehen, daß es in einer Umwelt, die so ruiniert ist wie unsere, eine Glückquelle darstellt, einmal da rauszukommen und in Mallorca Urlaub zu machen, wo es wenigstens noch den Anschein von unbeschädigter Natur gibt, auch wenn am blauen Strand schon der Bohrer hämmert, um einen neuen Hotelklotz dort hinzustellen.


Die Attraktivität, die für viele Jugendliche heute von den alten religiösen Gemeinschaften ausgeht, rührt daher, daß die eine Harmonie anbieten, die es in der modernen Gesellschaft nicht gibt. Da wird gearbeitet und auch gebetet, gefeiert, getrauert, das heißt, der natürliche Zyklus menschlichen Lebens aus Arbeit, Emotion und intellektueller Beschäftigung wird rituell wieder hergestellt. Wenn Sie zu solchen harmonisierenden Ritualen nicht in der Lage sind, werden Sie zu einer isolierten Zelle, die abhängig ist von anonymen Mächten, die mögen nun Kohl oder sonstwie heißen.


Die Erfahrung in der Alternativbewegung ist die, daß man, wenn man mit wenig Geld auskommt, die ganzen Streß- und Karriereprobleme nicht hat, und daß die sozialen Beziehungen wichtiger sind als das Geldverdienen.


Die Europäische Union ist eine Werte- und keine Religionsgemeinschaft.


Die Massentierhaltung führt zu Frühstückseiern, die zwar billig, aber auch furchtbar mies sind. Wenn man ein Frühstücksei will, das weniger Giftstoffe enthält, muß man darauf verzichten, jeden Tag eines zu essen.


Die sogenannten Primitiven hatten ein viel bewußteres Verhältnis zu dem, was Gewalt ist. Dort durfte das jeder machen, wenn er es nur selbst verantworten konnte. Schlimm wird es erst, wenn die Gewalt von Machtmaschinen ausgeübt wird, die sich im Grunde nicht selbst gefährden.


Ein Umweltminister, der raucht, ist wie ein Staatsanwalt der klaut.


Erfolgserlebnisse braucht jeder manchmal, um mit Frustrationen besser fertig zu werden. Da besteht kein Unterschied zwischen Männlein und Weiblein. Wichtiger aber ist die Erfahrung der Niederlage. Denn aus dem Erfolg lernt man eigentlich wenig.


Es gibt eine Erschöpfung, die tut unheimlich gut, zum Beispiel wenn man beim Fußballtraining körperlich alles aus sich herausholt, und es gibt eine Erschöpfung, die ist sehr kalt, die habe ich erlebt, als ich in Rüsselsheim bei der Firma Opel acht Stunden täglich am Band stand, und die erlebe ich jetzt manchmal in Bonn, wenn ich mich Stunde um Stunde in monotonen Sitzungen mit den Leuten streite.


Es gibt einen real existierenden Sozialdemokratismus.


Es ist doch klar, wie man in der CDU hochkommt, und es ist auch klar, wessen Interessen diese Leute letztendlich vertreten. Empören kann ich mich schon allein deshalb nicht, weil meine Erwartungen, bevor ich nach Bonn kam, noch schlimmer waren.


Es wird bei den Grünen noch eine Weile dauern, bis eine eigene tragfähige Konzeption da ist, aber schon jetzt ist klar, daß wir von rein quantitativen Steigerungsraten zu einem Wachstum gelangen müssen, das weniger den Zuwachs auf dem privaten Sektor als im öffentlichen Bereich anstrebt, also die Sanierung unserer Lebensgrundlagen, Reinhaltung der Luft und des Bodens, Gesundung der Umwelt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man das in den Griff bekommt allein dadurch, daß man bleifreies Benzin und Katalysatoren einführt. Denn um das Auto herum gruppiert sich ein ganzes Gesellschaftsbild, eine bestimmte Art zu leben, zu arbeiten. Die muß man ändern.


Für mich bedeutet Zivilisation oder Kultur, den Trieb zur Zerstörung in den Griff zu bekommen und zu einem positiven Element umzubiegen. Eine der Hauptursachen für den Psychokrieg bei den Grünen war die Entscheidung, daß die Abgeordneten zur Halbzeit der Legislaturperiode ausgetauscht werden. Seit das mit wenigen Ausnahmen akzeptiert ist, ist der Krieg quasi beendet.


Helmut Kohl ist der Fidel Castro der CDU, der "maximo lider", den sie nicht los wird.


Hier als Fraktion politisch erfolgreich zu sein, hat sehr viel Kraft gekostet. Wir haben doch in diesem Parlament mehr bewirkt, als ich zu träumen wagte. Den Grünen ist es gelungen, die Führungsrolle in der Opposition zu übernehmen, nicht zahlenmäßig, aber was die Inhalte betrifft. Die SPD trabt im wesentlichen nur hinterher. Da bin ich auch ein Stück stolz drauf.


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