Leo Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi

Die einen erheben sich in der Gesellschaft von Menschen, die anderen sinken ab.


Die Bewegung des allgemeinen Lebens besteht nicht in der wachsenden Stärke und Zunahme des Kampfes der Wesen untereinander, sondern im Gegenteil in der Verminderung der Uneinigkeit und der Abnahme des Kampfes.


Hast du keine Kraft in dir zu brennen und Licht auszustrahlen, so verstelle es wenigstens nicht.


Sobald man annimmt, das Leben der Menschheit könne durch Vernunft gelenkt und geleitet werden, macht man das Leben als solches unmöglich.


Aphorismen sind vielleicht der beste Weg, um philosophische Überzeugungen darzulegen. Ein Philosoph, der darauf ausgeht, ein ganzes, kompliziertes System zu entwickeln, ist zuweilen unfreiwillig nicht mehr ganz aufrichtig. Er wird der Sklave seines Systems, dessen Symmetrie zuliebe er oft bereit ist, die Wahrheit zu opfern.


Je stärker die künstlerische Ansteckung ist, desto wahrer ist die Kunst, und sie wird um so stärker sein, je tiefer der Künstler die Gefühle, die er ausdrückt, selber empfindet, je aufrichtiger er ist.


Es gibt kein besseres Mittel festzustellen, ob man in irgendetwas Fortschritte macht, als sich in der bisherigen Art und Weise seines Tuns zu versuchen. Will man feststellen, ob man gewachsen ist oder nicht, muß man sich an die alte Meßmarke stellen.


Jedes Werk der falschen Kunst, das von den Kritikern in den Himmel gehoben wird, bildet eine Tür, durch welche die Mittelmäßigkeiten eindringen.


Wird der Reiche wahrhaft barmherzig, so hört er bald auf, reich zu sein.


Ein schlagendes Beispiel falscher Barmherzigkeit bietet die durch die Herzogin von Coburg, Maria Alexandrowna, zu Gunsten der Armen veranstaltete Ausstellung von Brillanten im Werte von mehreren Millionen.


Mögen die Parsen ihre Topis tragen, die Juden ihre Philalektere, die Christen ihr Kreuz, Muselmänner ihren Halbmond, aber mögen sie alle dessen eingedenk sein, daß dies nur Formen und Embleme sind, daß aber das Grundwesen aller Religionen — die Nächstenliebe — in gleicher Weise gefordert wird von Jesus, Paulus, Manu, Zoroaster, Buddha, Moses, Hillel, Sokrates, Mohammed.


Allein im Bereich des Bewußtseins ist der Mensch frei, Bewußtsein wiederum ist nur im jeweils gegenwärtigen Augenblick möglich.


Man muß daran glauben, daß Glück möglich ist, um glücklich zu sein.


Christentum muß man nicht so sehr den Arbeitern wie den nicht arbeitenden Herren predigen.


Das künftige Leben interessiert uns mehr als das gegenwärtige.


Das Leben besteht in der Annäherung an Gott.


Das Mitleid bleibt immer dasselbe Gefühl, ob man es für einen Menschen oder für eine Fliege empfindet. Der dem Mitleid zugängliche Mensch entzieht sich in beiden Fällen dem Egoismus und erweitert dadurch die moralische Befriedigung seines Lebens.


Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; unglücklich ist jede Familie auf ihre eigene Art.


Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.


Besitz verlockt zur Sünde, und Anhäufung von Reichtümern entsittlicht den Menschen. Nur die einfache Arbeit gibt Glück und Zufriedenheit.


Das beste Mittel, glücklich zu werden, ist, wie eine Spinne aus sich heraus nach allen Seiten ein Netz aus Liebe zu spinnen und mit dessen klebrigen Fäden alles einzufangen, was des Weges kommt.


Das Einzige, was die Ehe heiligen kann, ist Liebe und die einzig echte Ehe ist die, die von Liebe geheiligt ist.


Das Glück besteht nicht darin, daß du tun kannst, was du willst, sondern darin, daß du immer willst, was du tust.


Das Ziel des Lebens ist das Gute.


Der Mensch kann sich besser in einem kleinen Häuschen einrichten als in einem riesigen Schloß.


Die Bedeutung des Wortes Schönheit ist ein Rätsel geblieben und das nachdem tausende Gelehrte Menschen 150 Jahre lang über die Bedeutung dieses Wortes diskutiert haben.


Du brauchst nur zu lieben und alles ist Freude.


Ein Mensch ist wie eine Bruchrechnung: Sein Zähler zeigt an, was er ist, und sein Nenner, wofür er sich hält. Je größer der Nenner, desto kleiner der Bruch.


Für uns, die wir von Christus den Maßstab des Guten und Bösen erhalten haben, gibt es nichts Unmeßbares. Und es gibt keine Größe, wo nicht Schlichtheit, Herzensgüte und Wahrhaftigkeit vorhanden ist.


Es ist erstaunlich, daß man immer wieder in den Fehler verfällt, Schönheit mit Güte zu gleichzusetzen.


Historiker sind wie taube Menschen, die ständig auf Fragen antworten, die ihnen niemand gestellt hat.


Jeder Mensch trägt in sich die Keime aller menschlichen Eigenschaften, und manchmal offenbart er die einen, manchmal die anderen und ist oft sich selbst ganz und gar nicht ähnlich.


Kümmere dich nicht um den Beifall von Leuten, die du nicht kennst oder die du verachtest.


Lebe so, daß du die Taten deines Lebens nicht zu verheimlichen brauchst, aber auch kein Verlangen danach hast, sie zur Schau zu tragen.


Lieben können heißt alles können.


Musik ist die Stenographie des Gefühls.


Nur wer in Übereinstimmung mit seinem Gewissen lebt, kann wohltuenden Einfluß auf andere haben.


Seltsam, wie groß die Illusion ist, dass Schönes auch gut ist.


Solange das Leben da ist, gibt es auch Glück.


Der Widerspruch, zur eigenen Vernunft zu leben, ist der unerträglichste aller Zustände.


Der Mensch ist nur dann unfrei, wenn er wider seine vernünftige Natur handelt.


Wollust des Geistes: es beim Geheimnis belassen; Wollust des Fleisches: das Geheimnis zerstören.


Das Gewissen ist unser bester und zuverlässigster Wegweiser, doch wo finden sich Merkmale, die seine Stimme von anderen Stimmen unterscheiden?


Es ist leichter zehn Bände über Philosophie zu schreiben, als einen Grundsatz in die Tat umzusetzen.


Das Lebensziel des Menschen besteht darin, auf jedwede Weise zur allseitigen Entwicklung alles Bestehenden beizutragen.


Alle denken nur darüber nach, wie man die Menschheit ändern könnte, doch niemand denkt daran, sich selbst zu ändern.


Die Menschen leben nicht davon, daß sie für sich selber sorgen; sie leben von der Liebe, die in den Menschen ist. In wem Liebe ist, in dem ist Gott. Gott ist in ihm, weil Gott Liebe ist!


Denke immer daran, daß es nur eine allerwichtigste Zeit gibt, nämlich: Sofort!


Das wichtigste Ziel ist das Jetzt, der wichtigste Mensch ist der Nächste, mit dem ich jetzt spreche; die wichtigste Tat ist, dem Nächsten Gutes zu tun.


Gleich wie Feuer nicht Feuer löscht, so kann Böses nicht Böses ersticken. Nur das Gute, wenn es auf das Böse stößt und von diesem nicht angesteckt wird, besiegt das Böse.


Töte deine sinnlichen Begierden durch Arbeit ab.


Arbeit ist an sich keine Tugend, aber sie ist eine unvermeidbare Bedingung eines tugendhaften Lebens.


Man kann ohne Liebe Holz hacken, Ziegel formen, Eisen schmieden. Aber mit Menschen kann man ohne Liebe nicht umgehen.


Die Anwendung von Gewalt ist mit der Liebe unvereinbar.


Bedenke bei jedem Anschaffen und Benutzen eines Gegenstandes, daß dieser ein Produkt menschlicher Arbeit ist und daß Du indem Du ihn verbrauchst, zerstörst, beschädigst, diese Arbeit zerstörst und damit Menschenleben verbrauchst.


Wer anderen nützen will, findet überall Beschäftigung.


Der Gedanke scheint frei zu sein, aber im Menschen gibt es viel Mächtigeres, etwas, was den Gedanken leiten kann.


Jeder Mensch befindet sich ständig in einem Wachstumsprozeß, daher darf niemand je aufgegeben werden.


Mit Dir denke ich laut.


Zu lieben ist Segen, geliebt zu werden Glück.


An je weniger Bedürfnisse wir uns gewöhnt haben, um so weniger Entbehrungen drohen uns.


Alle wollen die Welt verändern, aber keiner sich selbst.


Um einen Staat zu beurteilen, muß man seine Gefängnisse von innen ansehen.


Wie viel Mühe kostet die Niederschlagung und Verhütung von Aufständen: Geheimpolizei, andere Polizei, Spitzel, Gefängnisse, Verbannungen, Militär. Und wie leicht sind die Ursachen für Aufstände zu beseitigen!


Unterhaltung ist gut, wenn sie nicht unsittlich, sondern anständig ist, und wenn ihretwegen nicht andere leiden müssen.


Winzige Veränderungen machen das wahre Leben aus.


Heute Nacht rief ich mir mein dreifaches Rezept gegen Kummer und Kränkung ins Gedächtnis: 1. Daran denken, wie unwichtig alles nach zehn, zwanzig Jahren sein wird, wie es ja auch unwichtig geworden ist, was einen vor zehn, zwanzig Jahren gequält hat. 2. Sich erinnern. was man selbst getan hat und was nicht besser war als das, was einen heute betrübt. 3. An hundertmal Schlimmeres denken, das auch hätte kommen können. Das Beste und Unwiderleglichste aber ist, wenn man sich sagt: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!


Wie ein Athlet auf die Vemehrung seiner Muskeln bedacht ist, so müssen wir auf die Vemehrung der Liebe oder zumindest auf die Verringerung von Bosheit und Lüge bedacht sein, dann gelängen wir zu einem erfüllten, frohen Leben.


Für die Übung in der Tugend braucht es keine Übungen; die Übungen sind das Leben.


Was für eine seltsame Illusion es ist anzunehmen, daß Schönheit gleichbedeutend ist mit Güte.


Je verständlicher, desto besser.


Gut sein und ein gutes Leben führen, bedeutet, anderen mehr geben, als man von ihnen nimmt.


Nicht von außen wird die Welt umgestaltet, sondern von innen.


Wer die Lehre von Christus begreift, hat das gleiche Gefühl wie ein Vogel, der bis dahin nicht wußte, daß er Flügel besitzt, und nun plötzlich begreift, daß er fliegen, frei sein kann.


Ob man will oder nicht, man muß sagen, die größte Weisheit ist das Wissen darum, das es sie nicht gibt.


Häufig betrachte ich das Leben so wie ein Zuschauer, gleichsam als hätte ich keinen Anteil daran. Und nur bei der Betrachtungsweise sieht man es richtig.


Es ist keinem einzigen Menschen gegeben zu wissen, ob er bis zum Abend Stiefel oder Leichenschuhe braucht.


Gut leben heißt gut sterben.


Wie es der Jugend Freude bereitet, sich ihres Wachstums bewußt zu werden, muß es für das Alter eine Freude sein, die einengenden Grenzen fallen zu sehen.


Leidenschaftslosigkeit, das heißt, eine immer gleiche und abgeklärte Betrachtungsweise mach die Weisheit der Greise aus.


Die einzige Lösung ist: jeden Augenblick seines Lebens mit Gott zu leben, seinen und nicht den eigenen Willen zu tun. Aber wenn man diese Stütze, dieses wahre Leben vorübergehend verliert, zappelt man hilflos wie ein Fisch auf dem Trockenen.


Wenn wir nur 0,0001 von dem ausführen, was wir für richtig halten, oder wenigstens nicht täten, was wir für falsch halten, wie bald würde sich die ganze Ordnung unseres Lebens ändern und aus einer heidnischen Ordnung eine christliche werden.


Vergangenheit und Zukunft gibt es nicht, es gibt nur eine unendlich kleine Gegenwart. In dieser eben vollzieht sich das Leben.


Es gibt Männer, die sich sehr schwer verlieben, weil ihnen die dazu notwendige Schwäche fehlt.


Fürchte nichts und niemanden. Das Teuerste in dir kann durch nichts und niemanden leiden.


So schlecht ein Buch auch ist, es wird dennoch verkauft.


Wie müßig sind doch wissenschaftliche Betrachtungen.


Ein Lob übt nicht nur auf das Gefühl, sondern auch auf den Verstand des Menschen eine ungeheure Wirkung aus.


Wenn du glücklich sein möchtest – lebe!


Wenn du an einen hölzernen Gott zu glauben aufhörst, so heißt das nicht, daß es keinen Gott gibt, sondern nur, daß er nicht aus Holz ist.


Religion ist die fortgeschrittenste Weltanschauung.


Wir werden nicht geliebt, weil wir so gut sind, sondern weil diejenigen, die uns lieben, gut sind.


Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.


Man muß eine Aufgabe vor sich sehen und nicht ein geruhsames Leben.


Man muß sein wie eine Lampe, abgeschirmt gegen äußere Störungen – den Wind, Insekten, und gleichzeitig rein, durchsichtig und mit heißer Flamme brennend.


Freiheit ist Befreiung von der Illusion, der Täuschung der Persönlichkeit.


Diese Welt ist ein Nichts, was ist, das bin ich, meine Seele.


Ausdauer und Entschlossenheit sind zwei Eigenschaften, die bei jedem Unternehmen den Erfolg sichern.


Es gibt Quellen der Freude, die nie versiegen: die Schönheit der Natur, der Tiere, der Menschen, die nie aufhört.


Das Leben, es mag sein wie es will, ist ein Glück, das von keinem anderen übertroffen wird.


Ich anerkenne kein anderes Zeichen der Überlegenheit als die Güte.


Ja, die Liebe ist eine wahre Zauberin. Sobald man liebt, wird das, was man liebt, schön.


Die gesamte, für die ganze Welt geltende, jahrtausendealte Erfahrung lehrt, daß Kinder von der Wiege an in unmerklicher Fortentwicklung zu Männern werden.


Hast du etwas angefangen, gibt es nicht auf, sondern führe es zu Ende.


Wenn die ganze Zivilisation zum Teufel ginge – ich würde es nicht bedauern; nur um die Musik tät’ es mir leid.


Die allerwichtigste Sache ist: Gutes tun, weil nur dafür der Mensch lebt.


Kunst ist das Mikroskop, das der Künstler auf die Geheimnisse seiner Seele einstellt, um diese, allen Menschen gemeinsamen Geheimnisse zu zeigen.


Der Tod ist unvermeidlicher als das Kommen der Nacht, des Winters. Wir bereiten uns zur Nacht, zum Winter vor, warum bereiten wir uns nicht zum Tode vor? Die einzige Vorbereitung zum Tode ist ein rechtschaffener Lebenswandel. Je tugendhafter das Lehen ist, um so geringere Bedeutung erhält der Tod, und um so weniger Furcht erweckt er. Im Tode gibt es nichts Schreckliches. Das, was schrecklich ist im Tode, hängt vom Leben ab.


Im Herzen eines Menschen ruht der Anfang und das Ende alle Dinge.


Der Mensch kann und muß wissen: Das Glück seines Lebens liegt nicht in der Erreichung eines vor ihm stehenden Zieles, sondern in der Bewegung um des höchsten, ihm unzugänglichen Zieles willen.


Dem Menschen ist das Ziel seines Lebens unerforschlich. Der Mensch kann nur die Richtung kennen, welche zum Lebensziel führt.


Die Kunst ist eines der Mittel, Gut und Böse zu unterscheiden.


Es ist leichter, eine Kränkung zu rächen, als sie zu ertragen.


Das Glück ist mit Müdigkeit und Muskelkater billig erkauft.


Alle Welt verurteilt den Egoismus. Egoismus aber ist das Grundgesetz des Lebens. Es kommt nur darauf an, was man als sein Ego anerkennt.


Wenn die Vertreter der Kirche Christen sind, dann bin ich kein Christ; und umgekehrt.


Es gibt keine Fakten. Es gibt nur unsere Wahrnehmung davon.


Menschen, die das Leben nicht verstehen, können nicht umhin, den Tod zu fürchten.


Die Menschen pflegen, vom Schicksal und durch eigene Sünden und Fehler in eine gewisse Lage gebracht – sei dieselbe auch noch so schief, sich immer eine Anschauung des Lebens zu bilden, die es ihnen ermöglicht, ihre Position für gut und achtungswert zu halten. Sie streben deshalb nach einem Gesellschaftskreis, in dem ihre Lebensauffassung eine allgemeine Anerkennung findet.


Um Gelassenheit und Festigkeit zu erwerben, gibt es nur ein Mittel: die Liebe, die Liebe zu deinen Feinden.


Eine Frau lieben und gleichzeitig etwas Vernünftiges tun, ist schwer.


Wir schätzen die Zeit erst, wenn uns nicht mehr viel  davon geblieben ist.


Dies ist keine vollständige liste der zitate von Leo-Lew-Nikolajewitsch-Graf-Tolstoi. Zitate anderer autoren sind ebenfalls verfügbar.