Lord Yehudi Menuhin

Architektur sollte teilhaben an Zeichnen und Bildhauerei, an Entwerfen und Formen. Heute hat sich der Ingenieur die Architektur zum größten Teil unter den Nagel gerissen und ihr alles Leben ausgetrieben.


Bach ist oftmals zutiefst bewegend und leidenschaftlich, aber er schildert keine persönlichen Leidenschaften und will auch keine persönlichen Überzeugungen übermitteln. Er spricht für das Menschliche und Zeitlose.


Beethovens große Leistung ist die außergewöhnliche Allgemeingültigkeit seiner Aussage, eine Universalität, die gleichermaßen teilhat an der Wahrheit einer mathematischen Gleichung und an der Wahrheit allgemeinmenschlicher Erfahrung.


Bei Beethoven ist wie bei Shakespeare das Gedankliche so vollkommen formuliert, daß es sich nicht einfacher, klarer, prägnanter oder schöner ausdrücken ließe.


Beim Musizieren wurde es mir neulich klarer als je zuvor, daß das Verlangen des Menschen und dessen Ausdruck in der Kunst der unbegrenzten, unendlichen, vollkommenen, nie endenden Liebe gilt, von der die physische Liebe, wie wir sie in unserer Lebensspanne kennen lernen, nur eine Spiegelung, eine Nach-Schöpfung ist.


Das besondere Vorrecht des Menschen ist es, aufrecht auf zwei Beinen zu gehen (und nicht auf allen vieren) – und dadurch genötigt zu sein, die Hände zum Himmel zu erheben.


Das eigentliche Kriterium des Lebendigen ist die Fähigkeit, eine Wahl zu treffen, Entscheidungen zu fällen. Und das setzt Erinnerung voraus, die stete Ansammlung gemachter Erfahrungen.


Das grundlegende Kulturproblem unserer Tage ist die rasche und plötzliche physische und intellektuelle Emanzipation ständig wachsender, überwältigender Mehrheiten: eine wahrhafte Massenproduktion nicht nur von Autos und Flaschen, sondern ebenso von Menschen – ein quantitativer Prozeß mit starker Tendenz zur Uniformität.


Das Hören auf andere Stimmen, Gegenstimmen und Dissonanzen – die Regeln der Musik spiegeln das Leben selbst.


Das Kind sollte sich ganzheitlich im Tun ausdrücken – durch Singen, Tanzen, Malen – und in aller Ruhe, ehe es sich spezialisieren muß. Das Phantasievolle muß dem Faktischen vorangehen und von der Wirklichkeit des Faktischen diszipliniert werden.


Das Leben ist ein nie endendes Entdecken der Einheit alles Geschaffenen.


Das Leben ist ein ständiger Austausch.


Das Leben ist unser Bildhauer, und wir werden – ob zum Guten oder Schlimmen – von ihm in eine bestimmte Form geschlagen und gemeißelt. Andernfalls bleiben wir nur Klötze, Barren, Säulen, ohne Kannelierung, ohne Basis und Kapitell.


Das Lehren ist wie das Segeln; der Wind und die Segel treiben das Boot voran, der Segler muß es steuern und führen. Der Lehrer darf niemals vergessen, daß nicht er alle wichtigen Entscheidungen trifft und die Anregungen nicht nur von ihm ausgehen; er darf den Schüler nicht beherrschen wollen.


Das Phantastische an der Musik ist ihre Fähigkeit, jedes nur denkbare Vorkommnis, jede Situation widerzuspiegeln, ob belebt oder unbelebt.


Das vollkommene Glück ist nicht nur ein Gefühl oder ein Zustand, den wir in der Zukunft erreichen wollen, es ist vielmehr die Vorstellung von einer Harmonie, die tief in uns selbst lebt, und die wir schon im Mutterleib erfahren haben.


Das Wort "Wohlstand" hat inzwischen einen negativen Beigeschmack, das Wort bedeutet heute: mehr Umweltverschmutzung, mehr Häßlichkeit, mehr Rüstung, mehr Gefühllosigkeit, mehr Schuldner, die eine ungewisse Zukunft verpfänden.


Denken sie daran, daß Leben nichts Fertiges ist, das nur aus vorfabrizierten Häusern, Autos, Flaschen oder Büchern besteht. Es ist das, was Sie daraus machen. Und wenn Sie nichts daraus machen, macht es ein anderer, und dann werden Sie sein Sklave sein.


Der Akt des Lebens selbst sollte als ein künstlerisches Streben aufgefaßt werden. Die Heiterkeit, die Ekstase, die Einfachheit, die unmittelbare Aussagefähigkeit großer Kunst ist es, die das tägliche Leben repräsentieren sollte.


Der irregeleitete gute Wille verursacht ebenso viel Leid wie die Absicht zu schaden. Und sehr viel Leid entsteht dadurch, daß man sich an enge oder irrelevante Grundsätze hält. Die gütigsten Menschen verursachen oft die größten Tragödien.


Der Mensch hat immer Vergnügen und Erfolg mit Glückseligkeit verwechselt.


Der Mensch hat viel Zeit und Mühe darauf verwandt, Umweg kurzzuschließen, er hat Zeiteinsparungen und Kurzfassungen erdacht. Dabei sind es doch die Umwege, die Mäander, die Umspielungen, die die eigentliche Substanz, den wahren Wert unseres täglichen Lebens ausmachen, unsere Freuden und Befriedigungen.


Der Mensch ist von Natur aus ein Spieler, versessen auf Spielzeug und Werkzeug, der dem Vergnügen und dem Recht ohne Verantwortung und Rechtfertigung nachjagt.


Der Mensch muß historisch verantwortlich und bewußt sein. Er muß sich selbst sehen als Glied in einer langen Kette, das verantwortlich ist für die Glieder der Vergangenheit sowohl wie für die der Zukunft, nicht frei, die Vergangenheit oder Zukunft zu zerstören oder etwas als Gegenstand seiner Launen und Einfälle zu benutzen.


Der Mensch muß ständig wählen. Es ist sein Schicksal. Zu diesem Zweck hat sich sein Gehirn zu diesem Umfang und zu dieser Kapazität entwickelt. Der Mensch, der in eine Situation herabgewürdigt wird, in der er nicht wählen kann, ist geistig und seelisch amputiert.


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