Luc de Clapiers Marquis de Vauvenargues

Manche Menschen verlangen von einem Autor, daß er sie in ihren Meinungen und Gefühlen festige, und andere bewundern ein Werk nur, wenn es alle ihre Ideen umstürzt und keines ihrer Prinzipien gelten läßt.


Newton, Pascal, Bossuet, Racine, Fénelon, das heißt die erlauchtesten Männer der Erde in dem philosophischsten aller Jahrhunderte und in der Vollkraft ihres Geistes und Lebens haben an Jesus Christus geglaubt.


Es ist ein Zeichen von Mittelmäßigkeit, nur mäßig zu loben.


Mitunter sage ich mir wohl: das Leben ist zu kurz, daß mich nichts beunruhigen darf. Kommt aber ein unwillkommener Besucher, der mich beim Ankleiden stört, packt mich Ungeduld, und ich kann es kaum ertragen, mich auch nur eine halbe Stunde zu langweilen.


Die Menschlichkeit ist die wichtigste aller Tugenden.


Was uns die Eitelkeit der andern unerträglich macht, ist, dass sie die unsere verletzt.


Es ist schwer, jemanden so zu achten, wie er geachtet werden will.


Manche Menschen bilden sich unbewußt eine Vorstellung von ihrem Äußeren, das ihrer beherrschenden Stimmung entspricht; daher kommt es wohl, daß ein Geck sich immer für schön hält.


Am nützlichsten sind jedesmal die Ratschläge, die man am leichtesten befolgen kann.


Armut demütigt die Menschen so sehr, daß sie selbst über ihre Tugenden erröten.


Auf den Rat vieler hin tut man selten etwas Rechtes.


Beredsam ist, wer, selbst ohne es zu wollen, mit seiner Überzeugung oder Leidenschaft Geist und Herz anderer erfüllt.


Das Genie kann man nicht nachahmen.


Der Geist ist demselben Gesetz unterworfen wie der Körper: Beide können sich nur durch beständige Nahrung erhalten.


Der Mut hat mehr Mittel gegen das Unglück als die Vernunft.


Die jungen Leute leiden weniger unter ihren Fehlern als unter der Weisheit der Alten.


Die Vernunft täuscht uns öfter als die Natur.


Die Verzweiflung ist der größte unserer Irrtümer.


Ehrgeizigen, denen der Weg zur Ehre verschlossen ist, hat das Schicksal das Schlimmste angetan.


Es ist kein Vorteil, einen lebhaften Geist zu haben, wenn er nicht auch richtig ist: Die Vollkommenheit einer Uhr beruht nicht auf ihrem raschen, sondern ihrem richtigen Gang.


Es gibt Leute, die so ängstlich besorgt sind, sie könnten etwas falsch machen, daß sie nur selten überhaupt etwas zu tun wagen.


Gefühlsarmut nährt die Trägheit.


Die große Gedanken kommen aus dem Herzen.


Heiterkeit ist die Mutter der glücklichen Einfälle.


Man darf den Leser nicht vorhersehen lassen, was man ihm sagen will, aber man muß ihn dazu bringen, den Gedanken selbst zu finden, denn dann achtet er uns, weil wir denken wie er, aber später als er.


Niemand ist so tölpelhaft wie ein Schöngeist, der ein Weltmann sein möchte.


Trägheit ist der Schlummer des Geistes.


Wenige Maximen sind wahr in jeder Hinsicht.


Wer sich selbst imponiert, imponiert auch anderen.


Wir haben weder die Stärke noch die Gelegenheit, alles das Gute und Böse, das wir beabsichtigen, auszuführen.


Man darf die Menschen nicht danach beurteilen, was sie nicht wissen, sondern danach, was sie wissen und wie sie es wissen.


Die Hoffnung befeuert den Weisen, aber sie narrt den Vermessenen und den Trägen, die gedankenlos auf ihren Versprechungen ausruhen.


Die Grundsätze der Menschen offenbaren ihren Charakter.


Der Geist ist das Auge der Seele, nicht ihre Kraft. Ihre Kraft wurzelt im Herzen, in den Empfindungen. Selbst der hellste Verstand bringt uns nicht dazu zu handeln und zu wollen. Genügen gute Augen, um gehen zu können? Auch die Füße allein tun es nicht, dazu braucht man den Willen und die Fähigkeit.


Man kann auch diejenigen von ganzem Herzen lieben, deren Mängel man wohl kennt. Es wäre überheblich zu glauben, daß einzig das Vollkommene das Recht habe, uns zu gefallen. Mitunter verbinden uns Schwächen ebenso innig, wie es die Tugend vermag.


Um große Dinge zu vollbringen, muß man leben, als stürbe man nie.


Das schönste Geschenk an den Menschen ist die Fähigkeit zur Freude.


Das Laster hetzt zum Kriege, aber die Tapferkeit kämpft für den Frieden.


Allzu großes Mißtrauen ist ebenso schädlich wie allzu großes Vertrauen. Wer das Risiko, hintergangen zu werden, nicht auf sich nehmen will, wird es im Leben nicht allzu weit bringen.


Man kann nicht gerecht sein, wenn man nicht menschlich ist.


Die lächerlichsten und kühnsten Hoffnungen waren manchmal schon die Ursache außergewöhnlicher Erfolge.


Wer stets mit Lob geizt, zeigt damit seine eigene Mittelmäßigkeit.


Vernunft und Freiheit sind mit Schwäche unvereinbar.


Wenn man fühlt, daß man nichts hat, um sich die Achtung eines anderen zu erwerben, ist man schon recht nahe daran, ihn zu hassen.


Die Gaben der Natur und des Glücks sind nicht so selten wie die Kunst, sie zu genießen.


Menschen Lobsprüche spenden und damit die Grenzen ihrer Bedeutung abstecken, heißt sie beleidigen: denn nur wenige sind bescheiden genug, ohne Schmerz zu sehen, daß man sie richtig einschätzt.


Niemand will um seiner Irrtümer willen bedauert werden.


Die Verachtung unserer Natur ist ein Irrtum unseres Verstandes.


Es ist schwer einen Menschen so hoch einzuschätzen, wie er es selbst wünscht.


Will man Wesentliches sagen, gewöhne man sich zunächst daran, nichts Falsches zu sagen.


Es lässt uns Männer schmunzeln, dass man das Gesetz der Schamhaftigkeit für die Frauen aufgestellt hat, die uns doch am meisten schätzen, wenn wir schamlos werden.


Der Kopf weiß nicht, was das Herz vorhat.


Wer den Menschen verachtet, ist kein großer Mensch.


Beredsamkeit ist mehr als Wissen.


Stille und Nachdenken verzehrt die Leidenschaften, wie Arbeit und Fasten die Launen bricht.


Die Menschen verstehen einander nicht. Es gibt weniger Wahnsinnige als wir denken.


Ebenso wie es natürlich ist, viele Dinge ohne Beweis zu glauben, ist es auch nicht weniger natürlich, an anderen trotz der Beweise zu zweifeln.


Wir ertragen wenig Beleidigungen aus Güte.


Wenn die Menschen einander nicht schmeicheln würden, gäbe es keine Gesellschaft.


Unsere Trostworte sind Schmeicheleien für die Leidtragenden.


Keinen Verlust fühlt man so heftig und so kurze Zeit wie den Verlust einer geliebten Frau.


Die größte Kraft des Geistes tröstet uns weniger schnell als seine Schwäche.


Wenn es wahr ist, daß unsere Freuden kurz sind, so sind unsere Leiden nicht lang.


Der Ehrgeizige muß mehr Beleidigungen einstecken als ein Feigling.


Wer sich selber betrügt, betrügt andere.


Selbstüberhebung entschädigt für Herzensmangel.


O wie schwer ist es, sich zum Sterben zu entschließen!


Großer Sinn weiß viel.


In der Natur gibt es keine Widersprüche.


Große Menschen unternehmen große Dinge, weil sie groß sind, und Narren, weil sie sie für leicht halten.


Das Gefühl unserer Kraft vergrößert alles.


Die Großherzigkeit schuldet der Vorsicht keine Rechenschaft über ihre Beweggründe.


Kein Mensch hat Geist genug, um niemals langweilig zu sein.


Es gibt gewiß sehr viel Menschen, die aus Unsicherheit oder weil sie fürchten, die Achtung ihrer Mitmenschen zu verlieren, ihre liebsten, ihre beharrlichsten und oft auch ihre besten Neigungen verbergen.


Die Knechtschaft erniedrigt den Menschen soweit, daß er sie liebgewinnt.


Die höchste Vollkommenheit der Seele ist ihre Fähigkeit zur Freude.


Die Ratschläge der Alten spenden Licht ohne zu wärmen, wie die Wintersonne.


Man urteilt über andere nicht so falsch wie über sich selbst.


Das Gewissen ist die veränderlichste aller Normen.


Groß sind die Ansprüche der Menschen, klein ihre Pläne.


Ein Trunkener ist bisweilen witziger als die besten Witzbolde.


Es kommt häufig vor, daß man uns achtet nach dem Maße, wie wir uns selbst schätzen.


Die Frucht der Arbeit ist das süßeste aller Vergnügen.


Das Licht ist das erste Geschenk der Geburt, damit wir lernen, daß die Wahrheit das höchste Gut des Lebens ist.


Spott ist der Prüfstein der Eigenliebe.


Was wir Frieden nennen, ist meist nur ein Waffenstillstand, in dem der Schwächere so lange auf seine Ansprüche verzichtet, bis er eine Gelegenheit findet, sie mit Waffengewalt von neuem geltend zu machen.


Geduld ist nichts anderes als die Kunst, zu hoffen.


Wer einen Anlaß zur Lüge braucht, ist kein geborener Lügner.


Nicht zu jeder Zeit kann man sich an alle guten Vorbilder und Maximen halten.


Den guten Maximen bleibt es nicht erspart, trivial zu werden.


Wenn der berühmte Autor der Maximen (La Rochefoucauld) so gewesen wäre, wie er alle Menschen zu schildern versucht hat, verdiente er dann unsere Achtung und den abgöttischen Kult seiner Anhänger?


Die Ratschläge, die man für die weisesten hält, sind unserer Lage am wenigsten angemessen.


Wir verachten vieles, um uns nicht selbst verachten zu müssen.


Festigkeit oder Schwäche im Tod hängt von der letzten Krankheit ab.


Alle Lächerlichkeiten der Menschen charakterisieren nur eine schlechte Eigenschaft, nämlich die Eitelkeit.


Alle Menschen werden aufrichtig geboren und sterben als Lügner.


Der erste Seufzer der Kindheit gilt der Freiheit.


Der Handel ist die Schule des Betrugs.


Die Früchte der Arbeit und Klugheit reifen spät.


Die Kunst zu gefallen, ist die Kunst zu täuschen.


Einem Mann, der in der großen Welt lebt, steht es nicht frei, den Frauen zu huldigen oder nicht.


Nichts ist den Menschen in gewissen Ämtern leichter, als sich das Wissen anderer anzueignen.


Es gibt mehr Strenge als Gerechtigkeit.


Es gibt nicht wenige Menschen, die glücklich leben, ohne es zu wissen.


Es kann keiner gerecht sein, der nicht menschlich ist.


Großherzigkeit ist der Klugheit keine Rechenschaft über ihre Motive schuldig.


Man kann durch Gewalt herrschen, aber niemals durch bloße Geschicklichkeit. Höchste Kunst ist, ohne Gewalt zu herrschen.


Hoffnung macht mehr Betrogene als Schlauheit.


Lächerlich erscheint ein Mensch, der seinen Charakter und seine Kräfte überschätzt.


Menschlichkeit ist die erste Tugend.


Niemand glaubt sich geeigneter, einen Menschen von Geist zu hintergehen, als ein Dummkopf.


Niemand ist härter als die Sanftmütigen aus Berechnung.


Niemand ist mehr Fehlern ausgesetzt als der Mensch, der nur aus Überlegung handelt.


Nur wenige Menschen sind stark genug, um die Wahrheit zu sagen und die Wahrheit zu hören.


Über große Demütigungen trösten wir uns selten – wir vergessen sie.


Wahrheit ist die Sonne des Geistes.


Was Anmaßung bei den Schwachen ist, das ist Aufschwung bei den Starken, wie die Kraft der Kranken Raserei und die der Gesunden Lebensmut ist.


Wer auf andere nicht mehr angewiesen zu sein glaubt, wird unerträglich.


Wer nicht mehr imstande ist, den Frauen zu gefallen und sich darüber klar ist, lebt ganz gut auch ohne sie weiter.


Nur durch Mut kann man Ordnung in sein Leben bringen.


Schön ist, was Du siehst. Schöner, was Du träumst!


Eine gute Tafel stillt allen Groll, sie versöhnt alle Menschen, bevor sie zu Bette gehen.


Wir sollten vom Menschen und vom Wetter alles erwarten und alles befürchten. Il faut tout attendre et tout craindre du temps et des hommes.


Um zu wissen, ob ein Gedanke neu ist, braucht man ihn nur so einfach wie möglich auszudrücken.


Haß ist nicht weniger unbeständig als Freundschaft.


Es fehlt einem niemals an Gründen, wenn man sein Glück gemacht hat, einen Wohltäter oder alten Freund zu vergessen, und man erinnert sich mit Unwillen all dessen, was man über ihre Launen verschweigen mußte.


Man leitet die Kinder an zu Furcht und Gehorsam; Geiz, Stolz oder Furchtsamkeit der Väter schulen sie ion Sparsamkeit, Hochmut oder Unterwürfigkeit. Man ermutigt sie, auch noch nachzubeten, was andere sagen: niemand denkt daran, sie selbständig, kühn und unabhängig zu machen.


Die Schlechten sind stets überrascht, Fähigkeiten in den Guten zu finden.


Unsere Handlungen sind weder so gut noch so schlecht wie unser Wille.


Der Glaube ist Unglücklichen Trost und der Glücklichen Schrecken.


Die Leute haben eine Art von Bildung. Das heißt, sie wissen genug von allen dingen, um darüber falsch reden zu können.


Der Krieg ist keine so drückende Last wie die Knechtschaft.


Das meiste, was wir wissen, wissen wir nur halb. Ein Grund, weshalb über wichtige Dinge und Probleme immer wieder geschrieben und immer wieder nachgelesen werden muß.


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