Novalis

Die Lyrik ist das Poetische schlechthin. Sie rangiert im unendlichen Abstand von der übrigen Literatur. Sie ist die feinste und reizvollste Blüte der Dichtung. Sie ist Magie. Jedes Wort ist Beschwörung. Der Dichter ist ein Zauberer. Seine Sprache will keine Mitteilung. Oft ist sie so dunkel, daß sie der Dichtende selbst nicht versteht. Seine Bilder sind Chiffre. Richtigkeit, Deutlichkeit, Vollständigkeit, Reinheit, Ordnung sind nicht das Ziel der Lyrik. Sie ist oft bloß wohlklingend, dabei ohne allen Sinn und Zusammenhang. Höchstens einzelne Strophen sind verständlich. Sonst sind es oft nur Bruchstücke, aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt. Ich möchte fast sagen, das Chaos muß in jeder Dichtung durchschimmern.


Menschen, die zum Handeln, zur Geschäftigkeit geboren sind, können nicht früh genug alles selbst betrachten und beleben.


Es dünkt dem Menschen, als sei er in einem Gespräch begriffen und irgend ein unbekanntes geistiges Wesen veranlasse ihn auf eine wunderbare Weise zur Entwicklung der evidentesten Gedanken.


Stimmungen, unbestimmte Empfindungen, nicht bestimmte Empfindungen und Gefühle machen glücklich. Man wird sich wohl befinden, wenn man keinen besonderen Trieb, keine bestimmte Gedanken- und Empfindungsreihe in sicht bemerkt.


Der Mensch besteht in der Wahrheit. Gibt er die Wahrheit preis, so gibt er sich selbst preis.


Begrüße das neue Jahr vertrauensvoll und ohne Vorurteile, dann hast du es schon halb zum Freunde gewonnen.


Das Sterbliche wankt in seinen Grundfesten, aber das Unsterbliche fängt heller zu leuchten an und erkennt sich selbst.


Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte und das Amen des Universums.


Gib treulich mir die Hände, sei Bruder mir und wende den Blick vor deinem Ende nicht wieder weg von mir. Ein Tempel, wo wir knien, ein Ort, wohin wir ziehn, ein Glück, für das wir glühn, ein Himmel mir und dir!


Hypothesen sind Netze; nur der wird fangen, der auswirft.


Leidenschaftliche Wärme – leidenschaftliche Kälte.


Mensch werden ist eine Kunst.


Menschheit ist eine humoristische Rolle.


Neigungen zu haben und sie zu beherrschen ist rühmlicher, als Neigungen zu meiden.


Nichts ist romantischer, als was wir gewöhnlich Welt und Schicksal nennen. Wir leben in einem kolossalen Roman.


Schlafen ist Verdauen der Sinneseindrücke. Träume sind Exkremente.


Spielen ist Experimentieren mit dem Zufall.


Tadle nichts Menschliches. Alles ist gut, nur nicht überall, nur nicht immer, nur nicht für alle.


Was du verlorst, hat er gefunden, Du triffst bei ihm, was du geliebt und ewig bleibt mit dir verbunden, was seine Hand dir wiedergibt.


Wenn die Theorie auf die Erfahrung warten sollte, käme sie nie zustande.


Wissenschaft ist nur eine Hälfte. Glaube die andere.


Glück ist Talent für das Schicksal.


Die Ideale sind auch Produkte eines Übergangsmoments.


Nachdenken enthält eine unendliche Quelle von Trost und Beruhigung.


Eine unbekannte Geliebte, hat freilich einen magischen Reiz.


Gemeinschaftlicher Wahnsinn hört auf, Wahnsinn zu sein und wird Magie. Wahnsinn nach Regeln und vollem Bewußtsein.


Der ist der Herr der Erde, wer ihre Tiefen mißt.


Freiheit ist, wie Glück, dem schädlich, jenem nützlich.


So wird sie auch fliehen, die edle Seele, aus dem Erdenstaube entlastet, dort zu jenen höheren, besseren Gefilden, reich an seliger Ruhe und Freiheit.


Der Mensch ist eine Sonne. Seine Sinne sind seine Planeten.


Echt tätige Menschen sind diejenigen die Schwierigkeiten reizen.


Alle Ängstlichkeit kommt vom Teufel. Der Mut und die Freundlichkeit ist von Gott.


Wir sind mit dem Unsichtbaren mehr verbunden als mit dem Sichtbaren.


Wenn ein Geist stirbt, wird er Mensch. Wenn ein Mensch stirbt, wird er Geist.


Der Mensch besteht in der Wahrheit. Giebt er die Wahrheit preis, so giebt er sich selbst preis. Wer die Wahrheit verräth, verräth sich selbst. Es ist hier nicht die Rede vom Lügen, sondern vom Handeln gegen Überzeugung.


Vernunft und Phantasie ist Religion – Vernunft und Verstand ist Wissenschaft.


Der Poet versteht die Natur besser als der Wissenschaftler.


Durch Gebet erlangt man alles. Gebet ist eine universelle Arznei.


Nur ein Künstler kann den Sinn des Lebens erraten.


Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause.


Auch der Zufall ist nicht unergründlich – er hat seine Regelmäßigkeit.


Das Herz ist der Schlüssel der Welt und des Lebens.


Welten bauen genügt nicht dem tiefer verlangenden Sinne, aber ein liebendes Herz sättigt den strebenden Geist.


Liebe ist der Grund der Möglichkeit der Magie.


Zart ist der Faden der Freundschaft, doch unzertrennlich wie jene Kette, die Himmel und Meer und die Gestirne umschlingt.


Siehst du einen Riesen, achte auf den Stand der Sonne, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.


Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses.


Alle Schranken sind bloß des Übersteigens wegen da.


Unser Alltagsleben besteht aus lauter erhaltenden, immer wiederkehrenden Verrichtungen. Dieser Zirkel von Gewohnheiten ist nur Mittel zu einem Hauptmittel, unserem irdischen Dasein überhaupt, das aus mannigfaltigen Arten zu existieren gemischt ist


Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. – Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freylich innerlich so dunkel, einsam, gastaltlos, aber wie anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei, und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.


Die Welt muß romantisiert werden, so findet man den ursprünglichen Sinn wieder.


Genie ist das Vermögen, von eingebildeten Gegenständen wie von wirklichen zu handeln.


Mit den Tönen kommt da Sehnen, reget sich der Liebe Schmerz; wie sie beben und verschweben, bebt, verschwebt das stille Herz.


Auch der reuigste Sünder will bei seinem Bekenntnis geschont sein.


Jeder Mensch hat seine eigene Sprache. Sprache ist Ausdruck des Geistes.


Jede Stufe der Bildung fängt mit Kindheit an. Daher ist der am meisten gebildete, irdische Mensch dem Kinde so ähnlich.


Die echte Geduld zeugt von großer Elastizität.


Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht.


Lehrjahre im vorzüglichen Sinn sind die Lehrjahre der Kunst zu leben. Durch planmäßig geordnete Versuche lernt man ihre Grundsätze kennen und erhält die Fertigkeit nach ihnen beliebig zu verfahren.


Der Grund aller Verkehrtheit in Gesinnungen und Meinungen ist – Verwechslung des Zwecks mit dem Mittel.


Aber fordert nicht die Vernunft, daß jeder sein eigener Gesetzgeber sei? Nur seinen eigenen Gesetzen soll der Mensch gehorchen.


Die Gegenstände der gesellschaftlichen Unterhaltung sind nichts, als Mittel der Belebung. Dies bestimmt ihre Wahl, ihren Wechsel, ihre Behandlung. Die Gesellschaft ist nichts, als gemeinschaftliches Leben: eine unteilbare, denkende und fühlende Person. Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft.


Gesellschaftstrieb ist Organisationstrieb. Durch diese geistige Assimilation entsteht oft aus gemeinen Bestandteilen eine gute Gesellschaft um einen geistvollen Menschen her.


Nichts ist erquickender als von unseren Wünschen zu reden, wenn sie schon in Erfüllung gehn.


Je unwissender man von Natur ist, desto mehr Kapazität für das Wissen. Jede neue Erkenntnis macht einen viel tiefern, lebendigern Eindruck.


Der Mensch ist ein schaffender Rückblick der Natur auf sich selbst.


Zwinge dich zur Langsamkeit.


Man genoß das Leben mit langsamen, kleinen Zügen wie einen köstlichen Trank, und mit desto reinerem Wohlbehagen.


Man ist allein mit allem, was man liebt.


Mich dünkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie Erholung der gebundenen Phantasie wo sie … die beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht. Ohne die Träume würden wir gewiß früher alt.


Eine Anekdote ist ein historisches Element.


Es gibt keine Religion, die nicht Christentum wäre.


Wer Gott suchen will, der findet ihn überall.


Echtem Scherz liegt Ernst zugrunde.


Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt!


Abwärts wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht. Fernab liegt die Welt – in eine tiefe Gruft versenkt – wüst und einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut. In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen.


Unser Leben ist kein Traum, aber es soll und wird vielleicht einer werden.


Bei den Alten war die Religion schon gewissermaßen das, was sie bei uns werden soll – praktische Poesie.


Schicksal und Gemüt sind Namen eines Begriffs.


Etwas zu lernen ist ein sehr schöner Genuß – und etwas wirklich zu können ist die Quelle der Wohlbehaglichkeit.


Poetik. – Wenn man manche Gedichte in Musik setzt, warum setzt man sie nicht in Poesie?


Das Leben ist nur ein Augen-Öffnen und Wieder-Schließen. Darauf kommt’s an, was man in der kleinen Mittelpause sieht.


Es ist nichts schwerer, als mit sich selbst Geduld haben – seine eigene Schwachheit zu tragen.


Alle Märchen sind nur Träume von jener heimatlichen Welt, die überall und nirgends ist.


Manche Tat schreit ewig.


Wo echter Hang zum Nachdenken, nicht bloß zum Denken dieses oder jenes Gedankens herrscht, da ist auch ein Fortschreiten.


Krankheiten sind Lehrjahre der Lebenskunst und der Gemütsbildung.


Alle Methode ist Rhythmus: hat man den Rhythmus der Welt weg, so hat man auch die Welt weg.


Kraft ist die Materie der Stoffe.


Manchen fehlt es an Gegenwart des Geistes; dafür haben sie desto mehr Zukunft des Geistes.


Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?


Man irrt sehr, wenn man glaubt, daß es Antiken gibt. Erst jetzt fängt die Antike an zu entstehen.


Recht häßliche Menschen können unendlich schön sein


Jedes Wort ist ein Wort der Beschwörung. Welcher Geist ruft – ein solcher erscheint.


Begeisterung ohne Verstand ist unnütz und gefährlich..


Wo keine Götter sind, walten Gespenster.


Das Wesen der Krankheit ist so dunkel wie das Wesen des Lebens.


Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes willen.


Auf alles, was der Mensch sich vornimmt, muß er seine ungeteilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten.


Der wahre Leser muß der erweiterte Autor sein.


Sollte es nicht auch drüben einen Tod geben, dessen Resultat irdische Geburt wäre? Wenn ein Geist stirbt, wird er Mensch. Wenn der Mensch stirbt, wird er Geist.


Der Idealismus ist nichts als echter Empirismus.


Bildung deines Geistes ist Mitbildung des Weltgeistes.


Jeder Mensch hat seinen individuellen Rhythmus.


Das größte Geheimnis ist der Mensch sich selbst.


Wie kann ein Mensch Sinn für etwas haben, wenn er nicht den Keim davon in sich hat? Was ich verstehen soll, muß sich in mir organisch entwickeln; und was ich zu lernen scheine, ist nur Nahrung des Organisamus.


Mit den Frauen ist die Liebe und mit der Liebe sind die Frauen entstanden, und darum versteht man keins ohne das andere.


Es sind nicht die bunten Farben, die lustigen Töne, die warme Luft, die uns im Frühling so begeistern, es ist der stille weissagende Geist unendlicher Hoffnungen, ein Vorgefühl vieler froher Tage, die Ahnung höherer ewiger Blüten und Früchte, und die dunkle Sympathie mit der gesellig sich entfaltenden Welt.


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