Oliver Kahn

Aggressivität gehört zum Entwicklungsstadium eines Torhüters.


Ängste sind eigentlich die Grundlage für eine Topleistung. Angst schärft deine Konzentration, der Adrenalinspiegel steigt an, das ist eine sogenannte Fluchtreaktion, die beim Torwart unheimlich wichtig sein kann, weil du dann außergewöhnliche Reaktionen zeigen kannst. Ich habe diese Ängste für mich quasi als Antrieb, als Motor benutzt, das Ganze positiv gesehen.


Asien ist ein Kontinent, den ich sehr schätze. Die Mentalität der Leute liegt mir. Dort tun sich Dinge auf, die mir sicherlich viel Spaß bringen könnten. Das ist dann erst mal wichtig: Spaß haben. Nach all der Zeit, in der alles reglementiert war.


Auch in mir regt sich gelegentlich das Bedürfnis, nach ganz großen Erfolgen ein bißchen zurückzuschalten. Doch besitze ich Gott sei Dank so viel Disziplin, daß ich immer gegen dieses innere Sichzurücklehnen angehen muß.


Auch, ich hab' immer ein Faible gehabt für Leute, die quer denken. Ich kann mich nicht mit Politikern identifizieren, die nur Plattitüden von sich geben und die dann plötzlich in irgendwelchen Wohncontainern anzutreffen sind und aus Opportunismus heraus fünfmal im Jahr ihren Standpunkt ändern.


Bei mir war es stets kennzeichnend, daß ich nach einem schwierigen Beginn langsam nach oben kam. Ziel für Ziel, Schritt für Schritt, dabei entwickelt man sich wesentlich besser. Das macht einen auf Dauer stabiler als Spieler, die plötzlich aus dem Nichts nach ganz oben kommen und mit Sicherheit schnell wieder weg sind. Das halte ich für ganz gefährlich und ganz fatal. Unten braucht man gute Menschen um sich herum, um zu verstehen, daß es wieder aufwärts gehen kann.


Beim Fußball kannst du dich mal aufregen, du kannst fighten und sogar aggressiv werden. Beim Golf ruinierst du dir ganz schnell alles, wenn du dich ärgerst, deine Nerven nicht im Griff hast.


Beliebtsein, das sind sehr flüchtige Dinge. Respekt dagegen war schon immer da. Die Leute haben immer gesagt: Ein hervorragender Mann, nur hat der halt manchmal seine Momente, in denen er einfach überzieht.


Boris war für mich als Sportler eines der größten Vorbilder, die ich je hatte. Wenn ich gefragt werde, woher dieses "Nie aufgeben" kommt, dann hatte er als Vorbild daran großen Anteil. Das wird bei mir auch immer in Erinnerung bleiben. Aber er muß aufpassen, daß er nicht von einem Idol zu einer Zeiterscheinung wird. Es gibt aber auch Menschen, für die war das Karriereende eine Art Befreiung. Jürgen Klinsmann und Steffi Graf sind absolut positive Beispiele, wie man es vernünftig machen kann. Ich kann mir vorstellen, daß der Abschied auch für mich einen befreienden Charakter haben wird. Aber noch brauche ich den Wettkampf und die ständige Herausforderung des Sports.


Da hat sich vieles relativiert, dadurch haben sich die Wertigkeiten im Leben verschoben. Mir ist es vorher wichtiger gewesen, die Nummer Eins in Deutschland zu sein. Es ist immer noch schön, in der Nationalmannschaft, bei der Europameisterschaft zu spielen. Aber es ist für mich im Leben nicht mehr das Entscheidende.


Darüber muss sich jeder Einzelne ein Urteil machen. Ich mache das jedenfalls nicht.


Das Einzige, was mich wirklich interessiert, ist: Was kann man tun, um erfolgreich zu sein?


Das Falscheste, was man in so einer Situation tun kann, ist rumschreien und unendlichen Blödsinn erzählen.


Das Geschäft funktioniert in der Regel so: Wer erfolgreich ist, der ist auch sehr beliebt. Wenn du nicht erfolgreich bist, bist du nicht mehr so beliebt. Das mal so als Grundlage. Aber ich glaube andererseits auch, daß es eine gewisse Entwicklung bei mir gegeben hat durch die vielen Dinge, die ich erlebt habe. Ich habe erkannt, daß manche Dinge so nicht mehr weitergehen können, und die Leute haben wohl auch gemerkt, daß ich mich mit dieser Frage ernsthaft auseinandergesetzt habe.


Das ist das Brutale: Man lebt von der Konzentration, die immer wieder aufzubauen sehr schwierig ist. Ich werde oft gefragt, wie ich das mache, und sage, ja, es gibt bestimmte Techniken, die helfen; es gibt mentales Training, das man machen kann. Aber ich glaube, grundsätzlich muß man das in sich drin haben.


Das war ein Scheißkick, Entschuldigung.


Das Wichtigste war, daß Rudi Völler den Spielern wieder Selbstvertrauen gegeben hat. Das kann eben nur ein Trainer, der das selber alles erlebt hat. Weil ja immer von früher erzählt wird – dabei war früher auch Vieles Mist. Rudi hat aber auf seine menschliche, sehr angenehme Art jedem sein Zutrauen zurück gegeben. Und er macht mit Michael Skibbe zusammen jedem klar, was er zu tun hat: Es gibt klare taktische Systeme. Und er hat ein hohes Standing in Deutschland. Das Ganze gibt ein positives Stimmungsbild.


Der Substanzverlust ist ein schleichender Prozeß, das merkt man erst mit der Zeit. Momentane Erschöpfung erlebt man dann auch, wenn man an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt. Das ist eine ganz normale menschliche Geschichte. Wenn du ein solches Ziel erreicht hast, dann fällt erst einmal so viel von dir ab an Druck, und es ist einfach normal, daß du dann Schwierigkeiten bekommst, wieder in den Alltag zurückzufinden. Denn du hast erst mal wieder zu realisieren, daß du wieder von vorn anfängst und dir wieder alles hart erarbeiten mußt. Ein ganz normaler Prozeß, der einfach Zeit braucht.


Derart große Erlebnisse kannst du nicht sofort realisieren. Das dauert, und das merkt man noch in gewisser Weise. Auch in unserer Mannschaft, in der mancher jetzt erst richtig realisiert, was da eigentlich passiert ist, was wir gewonnnen haben. Auch für viele Menschen in München war dieser Sieg nach den Finalniederlagen davor so etwas wie eine Befreiung. Ich selber bin erst im Urlaub danach richtig euphorisch geworden. Kein Vergleich zu der Zeit vor zwei Jahren, als ich gar keinen richtigen Urlaub machen konnte, weil ich so beschäftigt war mit diesem Negativerlebnis von Barcelona.


Die Bundesliga-Begegnung gegen Borussia Dortmund beim 2 : 2 im Jahre 1999 war eine Wende in meinem Leben. Dieses Spiel war der letzte Akt dieser ganzen Geschichte, der absolute Ausbruch eines sehr, sehr lange aufgestauten Aggressionspotentials, das dann urplötzlich zum Ausbruch gekommen ist. Danach war mir klar: So konnte es mit mir nicht weitergehen, denn ich war vor zwei Jahren quasi am Nullpunkt angelangt. Und wenn man so weit unten war wie ich, dann fängt man einfach an, anders zu denken. Nein, um diesen Preis wollte ich nicht mehr weitermachen.


Die Einsamkeit geht ja noch, aber da ist auch die Angst vor dem Versagen. Die Angst vor dem Versagen ist eines der zentralen Themen überhaupt, insbesondere wenn man im Sport eine gewisse Stufe erreicht hat. Da weiß man, was alles davon abhängt, wenn man versagt. Ich habe gelernt, diese Ängste, wenn sie kommen, anzunehmen und sie nicht zu verdrängen. Ich setze mich mit ihnen auseinander.


Die Erinnerung an eine bittere Finalniederlage wiegt grundsätzlich schwerer als die an einen großen Sieg. Wer einmal ein Finale wie wir 1999 in der Nachspielzeit verloren hat, der kennt vielleicht diesen Schmerz, diesen Verlust, dieses Trauma, das in jedem Spieler beteiligt war.


Die extremen Momente. Im Positiven wie im Negativen. Wie beispielsweise 2001, als wir in letzter Sekunde Meister geworden sind. Wie das Finale in der Champions League 1999 gegen ManU, als wir kurz vor Schluss alles verloren haben. Wie das WM-Finale 2002 gegen Brasilien. Diese Momente werden mir fehlen.


Die letzten Jahre waren nur negativ, negativ, negativ, mit Vogts und zuletzt Ribbeck. In so einem Umfeld Fußball zu spielen – da fragt man sich: Warum tu ich mir das eigentlich an? Das hat sich gewandelt.


Die Leute wissen überhaupt nicht, was Vorbildfunktion bedeutet. Die Leute sollen endlich einmal begreifen, daß Vorbildfunktion keine Zwangsjacke für einen Menschen bedeuten soll. Die Vorbildfunktion funktioniert ja auch in gewissen Bereichen. Aber die Menschen sollen erkennen, daß derjenige, der Vorbild ist, genauso seine menschlichen Schwächen hat wie jeder andere Mensch auch. Jemand, der permanent seiner Vorbildfunktion nachkommt, ist für mich kein Mensch mehr. Das ist einfach unmöglich. Diese Zwangsjacke Vorbildfunktion kann für einen Menschen zur ständigen Belastung werden.


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