Otto Mauer

Die Kunst ist ihrem Wesen nach eine Manifestation der Glorie Gottes, ein Hymnus seiner Herrlichkeit.


Kunst die Transformation der Natur im schaffenden Geist, und eben diese Umbildung ist der schöpferische Akt des Geistes, der die Kunst begründet. Das Kunstwerk also ist transformierte, vergeistigte Natur, unendlich mehr als Abklatsch und Wiedergabe derselben.


Kunst ist – wie das Leben – ein sinnlos grausamer Versuch, wenn Christus nicht auferstanden; sie zerschellt an der eisernen Wand des Unmöglichen, sie bedeutet nichts anderes als die tragisch-"perverse" Veranlagung des Menschen auf ein nicht Existentes hin; das Dasein des Künstlers, des Denkers und des Menschen überhaupt erschiene als ein Produkt blutiger Ironie eines sadistischen Zynismus.


Kunst ist allerdings nicht Kunst durch die Darstellung "moralischer" Themen; auch nicht bloß durch die ethische Gesinnung des Schaffenden. Sie ist Kunst durch die Fähigkeit der bildhaften Intuition und die Kraft zum Ausdruck derselben; ihre Wertigkeit und Qualität wird nach Tiefe, Echtheit und Ursprünglichkeit der Entdeckung, an der Eindringlichkeit und Kongenialität der Deutung, am Feuer und der symbolischen Kraft des Ausdrucks gemessen. Kunst ist außerdem kein bloßes Werkzeug zur Versittlichung der Massen, kein Zweckinstitut im Dienste der Seelsorge, wie sie ja ebensowenig und noch weniger der Unterhaltung und dem Vergnügen zugeordnet ist.


Kunst ist die "Philosophie" des Konkreten.


Kunst ist eine Schöpfung des Menschen, die Gottes Schöpfung "übertrifft" und ihrem Ziele näher führt. Sie ist, wie jede "Schöpfung", Wiedergeburt, ist Neuschöpfung, Palingenesia, dynamisch auf das Ende hin, das eschatologische "Gott alles in allem".


Kunst ist Ekstase des Herzens.


Kunst ist kein Opiat. Sie ist weit davon ab, eine unwirkliche, phantatische Welt des Märchenhaften hervorzaubern zu wollen, in der der Mensch vergessen könnte.


Kunst ist mehr als Wiedergabe: sie ist seherische Entdeckung innerer Wirklichkeiten, die dem Durchschnittsmenschen verborgen sind – und oft auch nach ihrer Aufspürung durch das Kunstwerk noch verborgen bleiben! -, sie ist Deutung, die ein eigenes seelisches Organ voraussetzt und keineswegs geringe seelische Kräfte. Darum ist die Forderung, daß Kunst von jedem verstanden werden müßte, von Grund auf albern und nichts als ein einziges und sehr schädliches Mißverständnis.


Kunst ist nicht, wie der Banause meint, unverständlicher Einfall und Erzeugnis der Phantasie und deshalb wirlichkeitsfremd, ja, als Reich "unwirklicher" Träume, mit der Wahrheit von Grund auf verfeindet – Kunst ist auf Wirklichkeit hingeordnet, der Wahrheit koordiniert.


Kunst ist nichts anderes als die Entdeckung dieser wesenhaften Symbolik alles Geschöpflichen durch die Schau des künstlerischen Menschen und der echte Ausdruck derselben im Leibhaftigen, in plastischer Gestalt, in linearer Form und Farbe. Kunst setzt Symbolfähigkeit der Welt voraus. Sie ist keineswegs eine absolute Erfindung des künstlerischen Geistes; sie ist doch Intuition, das heißt: Einblick, Tiefenblick in das Wesen der Dinge, wie es gegeben ist. Kunst ist deshalb objektiv gebunden. Sie kennt keine Willkürlichkeit. Solche objektive Grundlage garantiert auch ihre Begrifflichkeit.


Weil Kunst Deutung ist, ist sie aber auch Gericht und Urteil; und "wahre" Kunst ist wahres Urteil über das Antlitz und das Drama der Welt.


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