Prof Dr phil habil Rainer Kohlmayer

Alphabetischer Anarchismus. – Alphabetische Wörterbücher enthalten hunderte Fälle von karnevalistischem Denken: Der Baronin folgt der Barras, der Bardame der Barde, der Müllerin der Müllfahrer, die Betrunkenheit landet vor dem Betschemel, auf die Grabbeigabe folgt würdelos die Grabbelei, Glatzköpfigkeit glänzt neben Glaube, gleich neben dem Hostienteller liegt hündisch der Hotdog, nach Hurerei jubelt das Wörterbuch gar hurra, nach Leibweh droht es mit Leiche, Scheißkerl und scheißvornehm kommen als Zwillingspärchen – und auf die Resozialisierung folgt sarkastisch der Respekt… Das Wörterbuch verwandelt den Wortschatz in dadaistische Poesie: Schlagloch auf Schlagloch lernt man den Irrwitz des entfesselten Ordnungstriebs kennen.


À la carte. – Er suchte die Einsamkeit, um wieder einmal über seine sozialen Pflichten nachzudenken.


“Ach, du…” – Die schönsten Abkürzungen sind die stammelnden Tautologien der Verliebten.


Akademische Tiefspringer. – Es gibt Theorien, die ihre Verbreitung und Beliebtheit dem Umstand verdanken, daß sie die Meßlatte nicht höher, sondern tiefer legen. Die Kurzbeinigen jubeln.


Akademisches Gleichgewicht des Schreckens. – “Ich werde Sie zitieren!” – “Ich Sie auch!”


Alles eine Frage der Routine. – Das Problem, ob Denken ohne Sprache möglich sei, ist immer noch umstritten. Dagegen wird die Tatsache, daß Sprache ohne Denken durchaus möglich ist, täglich tausendfach bewiesen.


Alternative zur Massenuniversität. – Der Tante M.A.-Laden.


Anarchist beim Absingen der Nationalhymne. – “Einigkeitunrechtunfreiheit Führdasdeutschevaterland…”


Aphorismus. – Das Stoßgebet des Atheisten. Der Geistesblitz, der eine fromme Illusion erschlägt.


Aphoristiker opfern das ganze Wetter für einen einzigen Blitz.


Arbeit des literarischen Übersetzers. – Der lange Marsch durch die Intuitionen.


Archaismus. – “Mann, is das gut!”, sagen auch Feministinnen, wenn es ihnen besonders gut schmeckt.


“Argumente” heißen die schärfsten Spitzen jener Eisberge, die aus tiefgefrorenen Gefühlen bestehen.


Ästhetik der Abstumpfung. – Katharsis der Zuschauer durch Mitleid? Oder Abstumpfung durch bequem sitzendes Zuschauen bei Mord und Quälerei? Nero beim Brand Roms. Das ästhetische Erlebnis stumpft ab und bereitet dadurch auf Schlimmeres vor. Woher kam die bekannte Wankelmütigkeit der Schauspieler, die Fühllosigkeit der akademischen Mit-Fühler und Mit-Läufer? Man hatte gelernt, privat mitzuleiden ohne einzugreifen, ohne “Halt” rufen zu dürfen.


Auf den Punkt gebracht. – “Ist das noch Tick-Tack oder schon Taktik?”


Aus dem Katechismus der Heuschrecken. – “Die Sense hat immer Recht.”


Aus der (n)e(u)rotischen Terminologie einer heutigen deutschen Grammatik. – Nachstellung, Umklammerung, Kontaktstellung, Spreizstellung, emphatische Gliedstellung, Beifügung, Einschub, Figuren, Klimax, Abbruch, Ausklammerung, Wiederholung…


Aus der Nähe wird alles tragisch. Aus der Vogelperspektive wird alles komisch. Aus der Fernsehperspektive wird alles gleichgültig.


Aus Shakespeares Tagebuch. “Bohre nicht weiter: Komödie. Bohre weiter: Tragödie. Bohre noch weiter: Komödie. Und so weiter.”


Autogenes Denken für Anhänger des sprachlichen Determinismus. – “Haha!” lachte er – und wirklich, die Welt kam ihm komisch vor. “Au!!” schrie er – und wirklich – es tat ihm weh.


Avantgarde. – Rasch altern ist der sicherste Weg, um seiner Zeit vorauszueilen.


Bachelor of Philosophy. – Bekanntlich bewies Descartes seine Existenz durch den berühmten Satz: “Ich denke, also bin ich.” Es ist weniger bekannt, dass er anschließend die Nichtexistenz von Madame Descartes deduzieren mußte: “Sie denkt nicht, also ist sie nicht.” Konsequenterweise kroch er zum Dienstmädchen (“Hélène”) ins Bett.


Bankdetektiv. – Sherlock bei Shylock.


Berufserfahrung. – “Bei uns läuft viel in Teamarbeit”, verkündet der Chef. “Haben Sie darin Erfahrung?” “O ja”, sagt die Neue. “Ich war immer gern intim.”


Bescheiden wie immer. – “Vielleicht sollte ich, da ich womöglich nicht der richtige Mann für so ein wichtiges Amt bin, besser verzichten. Andererseits ist es meine Pflicht, mich nicht leichtfertig aus der Verantwortung zu stehlen…”


Beweis. – “Autoritärer Kerl! Stimmt mir einfach nicht zu!”


Bis zum Beweis des Gegenteils. – “Wenn ich allein bin, bin ich der bescheidenste Mensch”, notierte er in sein Tagebuch.


Bitte hinten anstellen. – Der Dümmere leidet, wenn er Klügeren nachgeordnet wird. Der Klügere leidet, wenn ihm Dümmere vorgesetzt werden.


Bitte nicht stören. – Das Land schlief. Die Zukunft ging auf Zehenspitzen weiter.


Bloß keine Blöße zeigen. – In Sätzen, die als Meinungsäußerung von beamteten Wissenschaftlern gelten dürfen, herrscht das Gesetz des kategorischen Konjunktivs: “Ich möchte meinen wollen…”, “Man könnte der Ansicht sein…”


Bob Wilsons Bildertheater. – Die Unterdrückung der Sprache in der Inszenierung wird durch den Redeschwall der Interpreten kompensiert.


Bürgerlicher Gehorsam. – Druck von unten erzeugt Druck von oben.


Casanova. – Nach sechs Monaten Zuchthaus wegen Polygamie wurde er entlassen. Er galt als polyzahm.


Cartesianische Variationen. – Ich denke, also denke ich, daß ich denke. – Ich denke, also tu ich nix. – Ich denke, du arbeitest! – Ich dachte, du spülst das Geschirr! – Ich denke, ich möchte eine Professur für Philosophie. – Ich denke, na also.


Casanovas marktwirtschaftliche Ausrede. – “Die empfindliche Lücke.”


Casanovas Hypothese. – Das Lächeln der Mona Lisa sei gar nicht so rätselhaft, meinte er. “Leonardo hat das Kopfkissen übermalt.”


Causa finita. – Wenn ein Glaube zur Staatsreligion geworden ist, braucht er keine Berge mehr zu versetzen. Er begnügt sich damit, die Geographen zu verbannen.


Cogito ergo sum auf Deutsch? – “Die Selbstreflexion des Subjekts erzeugt denknotwendig die mentale Präsenz der Existenzgewissheit des mit sich selbst identischen Subjekts.”


Das muß in Fleisch und Blut übergehn. – Jahrelang hatte er brav sein Begriffsheu geschluckt und wiedergekäut. “Jetzt hab ich endlich Examen”, muhte er.


Das Objekt als Subjekt. – Jeder Spiegel beeinflußt den Blick: Aufmerksamkeit, Blickrichtung, Straffung des Gesichts. Der Blickende wird zum Erblickten, der Erblickte zum Beobachter, der Zuschauer zum Schauspieler. Diese Dialektik beginnt zu wirken, sobald man über sich selbst nachdenkt. Je angestrengter man sich bemüht, desto mehr lügt man.


Das Tier könne sich nicht ›bilden‹ wie der Mensch, denn der sei, im Gegensatz zum Tier, ›weltoffen‹ – behauptet ein Philosoph. Wie kommt es, daß man über das Tier so bestimmt, aber über den Menschen so zögernd und unscharf spricht? Vielleicht weil man das Tier nur von außen, den Menschen aber von innen kennt?


Dem Aphoristiker ist jedes Sprichwort sanierungsbedürftig.


Der Kollege. – Er war so nörglerisch, daß man seine gelegentliche Freundlichkeit für Ironie hielt.


Dernier cri. – Die Sensationen begraben einander, jede Neuigkeit ist gleichzeitig eine Beerdigung, ihr Geburtsschrei ist immer zugleich ihr Todesschrei. Die Kultur imitiert dabei den Kreislauf der Natur, aber mit erhöhter Geschwindigkeit.


Zwischen Kunst und Geschmack gibt es durchaus Verbindungen; die engste ist wohl die zwischen Kunst und – Geschmacksverletzung.


Zwischen der Ehe und einem Verhältnis besteht ein ähnlicher Unterschied wie zwischen Grammatik und Stilistik. Jene handelt von den Pflichten, diese von den Freiheiten, jene von der Norm, diese von den Abweichungen. Ohne jene wären diese nicht möglich.


Zwei Arten von Karriere: a) Wissenschafftler. b) Wissenschuftler.


Zum Systembauen gehören Ausdauer und Verblendung – im Idealfall ein Retortenhirn, das von einem Oberlehrer kommandiert wird. Zum Systemzerstören eignen sich besonders Kinder, Narren und schöne Frauen.


Zeitgenosse sein. – Zur richtigen Zeit das falsche Bewußtsein haben.


Zahlreiche Erfolge bei der Olympiade. – Statt an Kinder, Kirche, Küche denken die deutschen Frauen jetzt nur an Gold, Silber und Bronze. Sie sind anscheinend immer noch gedopt.


Wohlbestallt. – Die Dichter sind die Rennpferde, die Literaturprofessoren die Jockeys. Jene erhalten ein Stück Zucker, diese eine Professur.


Wo soll hier ein Druckfehler sein? – “Prof. Dr. Müller, seit vielen Jahren Lehnstuhlinhaber an unsrer Universität”.


Wo soll hier ein Druckfehler sein? – “Aus gewöhnlich gut unterrichteten Finanzgreisen verlautete, …”


Wissenschaftliche Ortsbestimmung eines Kollegen. – Hinterm Mond in der Mitte.


Wie, du hast dich noch nie verirrt? Du weißt also gar nicht, wo du wohnst!


Wie kann man “in Hülle und Fülle” steigern? – “In Fülle ohne Hülle.”


Who is Who? – Bei Demonstrationen kommt es manchmal zu Schlägereien zwischen Polizisten in Zivil und uniformierten Demonstranten. Durch eine engagierte Presseberichterstattung kann das Verwirrspiel dann noch weiter verkompliziert werden.


Wer nicht schreien darf, wird schreiben. Wer nicht schreiben kann, wird schreien.


Wer hat die Abkürzungen erfunden? – Die Tiere: “Muh!” “Wauwau!” “Miau!” “Kikeriki!”


Wer einen leeren Kopf hat, hat Platz. Er kann den Mund voller nehmen.


Wer bestimmt hier? – Etwas, zum Beispiel ein Panzer oder ein Flugzeug, wird “seiner Bestimmung” übergeben. Welcher “Bestimmung”? “Seiner”. Schlau gesagt! Man verlagert das Kommando ins Objekt.


Wenn man sagt “Ich gehe davon aus, daß” behauptet man eigentlich, daß man, im Gegensatz zu den andern, schon am Ziel war.


Welcher Zusammenhang besteht wohl zwischen Gebetsmühlen und Schallplatten?


Welche Unterschiede gibt es zwischen den Einwohnern Deutschlands? – Die Nachrichten unterscheiden zwischen “Personen”, “Menschen” und “Bürgern”. Ob das immer mit dem Grundgesetz vereinbar ist?


Wegweiser. – Erst spät erkannte er, daß die großen geistigen Wegweiser keinen Weg weisen, sondern nur weg weisen: Wer weise ist, soll schnell seiner eigenen Wege gehen. “Weg, Weiser!”


Wasserspiele. – Bei Wittgenstein kondensiert so manche “Wolke Philosophie zu einem Tröpfchen Sprachlehre” (PU II, XI). Bei seinen Schülern expandiert so manches Tröpfchen Wittgenstein zu einem akademischen Wasserfall.


Was sagt das Sprichwort über die Geschwindigkeit politischer Karrieren? – “Ehrlich währts am längsten.”


Was in der Antike das Schicksal bewirkte, leistet heute die Statistik: Sie vernichtet Helden und Schurken.


Was hast du zu sagen? – Die Arbeitsteilung geht so weit, daß diejenigen, die das Sagen haben, nichts mitzuteilen, und diejenigen, die etwas mitzuteilen hätten, nichts zu sagen haben.


Warum werden Beziehungen ständig “vertieft”? Und vor allem – an welcher Stelle?


Warum ist der Papst so schweigsam? “Er hat Ex-Kommunikationsprobleme.”


Wahlkampf. – Schmunzelnd stehen glattrasierte Politiker im Blickpunkt der Öffentlichkeit und lenken den Massenverkehr in bunt ausgeschilderte Sackgassen um.


Der Redakteur bezeichnete seine Freundin als Wochenendbeilage: Hochglanz, anregend, unverbindlich.


Der rote Faden der Geschichte – eine Blutspur.


Der Star im Fitnesscenter. – 47 Kilo Talent Und kein Gramm Liebe. Wo bei andern ein Herz schlägt, Läuft bei ihr ein Getriebe.


Der Vamp. Die Frau. Das Weib. – Die deutsche Sprache verhindert mit ihren willkürlichen Genusartikeln, daß die Allmacht der Geschlechtlichkeit im Bewußtsein Fuß faßt. Ein neurotisches Ablenkungsmanöver.


Der Wiedergewählte. – Ein unerbittlicher Kämpfer für die Mittelmäßigkeit – die eigene und die der anderen.


Der Wirklichkeit “ins Auge” blicken. Was kann dabei schon herauskommen? Höchstens ein Selbstporträt.


Der wissenschaftliche Pionier. – Er hatte gelernt, die Realität über das Knie der Begriffe zu brechen. Er war geistige Energie, und so wurde ihm die Welt zum Material. Jeglichen Widerstand in seiner Reichweite fällend, sägend, hackend, spaltend, schlug er eine gewaltige Schneise in den ungeordneten Urwald, analysierte, stapelte, nummerierte Zündholz, Kleinholz, Scheite, Bretter, Balken, Stämme. Und seine Nachfolger? Sind auf Jahre hinaus mit der Rekonstruktion beschäftigt.


Der Zweck heiligt die Mittel, sagt man und glaubt damit ein brutales Gesetz der Natur zu formulieren. Ist es aber nicht meistens umgekehrt? Die Mittel sind edel, doch der Zweck ist banal, entweiht die Mittel? Wozu dient denn die Kunst der Spinne? Wissenschaftler, Künstler – seid ehrlich: Wozu dient – wem dient Euer Wissen und Können?


Deutsches Diktat. – Die Rechtsprechung kapituliert vor der Rechtschreibung.


Dialektik. – Da er sich nach jahrelanger Forschung und Lehre nur noch in seinem Fachjargon fließend ausdrücken konnte, sah er sich gezwungen, für seine Alltagsgespräche einen Kommunikationsexperten zu Rate zu ziehen.


Dialektik. – Die meisten Menschen wollen lieber ihre Illusion von Freiheit genießen, statt einsehen zu müssen, daß ihre Freiheit eine Illusion ist.


Dialogfetzen. – “Hast du einen Mann?!” – “Nicht nur einen. Ich hasse alle!”


Didaktisches Proseminar. – Er konnte schon ein bißchen fliegen. Jetzt wollte man ihm das Kriechen beibringen.


Die beiden verstehen sich. – Zwischen “verliebt” und “verheiratet” besteht ein ähnlich großer Unterschied wie zwischen “kopiert” und “kapiert”.


Die Fliege an der Fensterscheibe erlebt praktische Metaphysik. Die Vergeblichkeit aller Ziele. Die Zwecklosigkeit aller Zwecke. Unsere Fensterscheibe ist das Nachdenken. Der Verstand, der sich selbst nicht auf den Grund kommen kann. Der rastlose Außenbordmotor, der nicht weiß, daß Wind und Wellen die Richtung bestimmen.


Die Gattung der Komödie entstand, als die Anarchie entprivatisiert wurde.


Die größte Ungerechtigkeit gegenüber unglücklichen Selbstmördern ist das Wort ›Selbstmord‹. Wir, die kollektiven Mörder leben befreit weiter, der Gemordete darf sich nicht einmal Opfer nennen. Das tödliche Unglück läßt alles Glück als Kartenhaus erscheinen. Wir lassen ihn morden, um ihn loszuwerden. Dann verscharren wir ihn unter dem Namen ›Selbst‹ – Mord. ›Selbst‹ schuld. Jeder ist seines Glückes Schmied. “Und der Selbstmörder?” “Er ist der Amboß.”


Die Berechenbarkeit des Nonkonformisten. – Sobald er Rückenwind spürt, wechselt er die Laufrichtung.


Die holprige Logik des Sprichworts. – Vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen. Vor lauter Gräsern die Wiese nicht sehen. Vor lauter Tropfen den Regen nicht sehen. Vor lauter Haaren die Glatze nicht sehen. Vor lauter Gesetzen das Recht nicht sehen. Vor lauter Wörtern die Sprache nicht sehen. Vor lauter Sprichwörtern die Wahrheit nicht sehen. Usw.


Die Jugend ist ein schlechter Verteidiger, scharfer Ankläger und unerbittlicher Richter. Nach den üblichen Jugendsünden verschiebt sich mit dem Älterwerden die Begabung immer mehr zugunsten der Verteidigung.


Die Karrieristen des Nationalsozialismus hätten auch ohne diesen Karriere gemacht. Die Menge an persönlicher Bosheit und Dummheit der Menschen scheint immer etwa gleich groß bleiben zu müssen.


Die Natur feiert jeden Morgen Premiere.


Die sanfte Tendenzwende zur leistungsorientierten Pädagogik. – Man schlägt den Esel nicht mehr; man streichelt den Sack, den er schleppen soll.


Die systematische Unterscheidung zwischen “anscheinend” und “scheinbar” ist oftmals eine ärgerliche Einmischung in das Innere anderer Menschen. Man behauptet, durch die Maske des Scheins hindurchblicken zu können: Nur “scheinbar” habe jemand seinen Plan aufgegeben, in Wirklichkeit – also im Inneren – jedoch nicht. Durch das Wörtchen “scheinbar” maßt man sich gottähnliche, geheimdienstliche Fähigkeiten an: den unverstellten Röntgenblick ins Bewußtsein und Gewissen des anderen. Ein ekelhaftes Wort. Man bleibe lieber an der Oberfläche: Anscheinend ist er normal, anscheinend möchte das Land den Frieden wahren, anscheinend ist er verfassungstreu. Hände weg! Keine nicht nachprüfbaren Verdächtigungen. Für jeden Verdacht muß es einen Anschein geben.


Die Verwandlung. – Endlich ließ sich die Wahrheit von seinem inständigen Flehen erweichen und wandte sich um: Kafka, entsetzt, verwandelte sich in Worte.


Die vierte Gewalt? – Legislative, Exekutive, Jurisdiktion und – Finanz.


Die Vokale sind die Augen, durch die das Wort dich anblickt. Ein Wort, dem der Vokal fehlt, ist blind geworden. Ja, blnd gwrdn.


Die Wende. – Proleten aller Länder – verpißt euch.


Diplomatische Begabung. – Er log so diskret, daß nicht nur alle, sondern auch er sich selber für einen durch und durch ehrlichen Menschen hielt. Seine Lügen hatten die wässrige Farbe des Sachverstands und die herzliche Mimik der Offenheit.


Diskreter orthographischer Hinweis auf die Bestechlichkeit von Parteimitgliedern. – “Werden auch Sie Mietglied der Fortschrittspartei!”


Do you speak English? – “Hi!” sagte der Tiefseetaucher und hob grüßend die Hand. Der Hai schnappte zu.


“Doktorvater.” – Eine Nebenwirkung der Liebe ist das Ja zur Abhängigkeit. Eine Nebenwirkung der Macht ist oft die Erzeugung einer Art Liebe bei den Abhängigen. Diese ertragen die Unwägbarkeiten der Abhängigkeit leichter, wenn sie den Mächtigen mit einem Gefühl liebesähnlicher Bewunderung akzeptieren. Zwischen Opfern und Kidnappern, Prüflingen und Prüfenden entstehen oft beschämend freiwillige Unterwürfigkeiten.


Don Juans Grabinschrift. – “In jeder Beziehung treu.”


Double Bind. – In öffentlichen Gebäuden findet man Schilder mit Ratschlägen, wie man sich beim Ausbruch eines Feuers verhalten soll. In Deutschland lautet die erste Empfehlung immer: “Ruhe bewahren!” In Frankreich heißt es dagegen: “En cas d’incendie: Criez au feu!” – Ein interessantes Übersetzungsproblem, wenn man an die mehrsprachigen Schilder in EU-Gebäuden denkt. Man stelle sich vor, wie Deutsche und Franzosen beim Ausbruch eines Feuers rasch die jeweiligen Ratschläge überfliegen und sich dann entsprechend verhalten. – Aber was macht das zweisprachige Individuum?


Double. – A und B galten als gute Freunde. Nach dem Tod von A stellte sich jedoch heraus, daß B nichts als die Perücke von A war. Eine Zeitlang wurde der Perückenausweis obligatorisch.


Drei Kleinigkeiten sprechen – trotz strukturalistischer und poststrukturalistischer Subjektauflösung – für die Beibehaltung eines individualistischen Subjektbegriffs. Erstens, jedes Hirn ist einmalig; zweitens, jeder Körper ist einmalig; drittens, jede Biographie ist einmalig.


Droge Arbeit. – Glück hat auf die Dauer nur der Süchtige.


Dumm, aber wahr. – Jugend schützt vor Alter nicht. Alter schützt vor Jugend nicht.


Durch ein Buch gehen wie durch eine Landschaft: Autobahnen, Landstraßen, Wanderpfade – endlich Gestrüpp, Dickicht, Schlingpflanzen, Urwald, Sumpf, endlich ein Stückchen Erfahrung, Wahrheit. Viele (besonders wissenschaftliche) Bücher bestehen nur aus Autobahnen. In wenigen Stunden ist man durch und behält keine Erinnerung. Wer nur solche Bücher liest, kann aber durchaus zum wissenschaftlichen Autobahn- und Fernstraßenexperten aufsteigen und an irgendeinem Verkehrsknotenpunkt eine Professur erhalten. Dort wird er von Zeit zu Zeit die Wegweiser miteinander vertauschen, die Himmelsrichtungen umbenennen, die Entfernungen exakter bestimmen, den Verkehr zählen, auf dem Laufenden bleiben.


Durchblick gewinnen. – Man verschiebt die Grenze der Intransparenz.


Effi Briest. – “Sach mal, kannste mir vielleich sachn, also ick hab det janze Buch durchjelesn, aber – janz ehrlich – ick weeß immer noch nich, wat ‘briesen’ bedeutet…”


Ehebündnis. – “Er ist mit einer Fahnenstange verheiratet. Sie zeigt immer die gleiche aufrechte und hölzerne Treue.”


Ehrlicher Philosoph. – “Ich denke. Also lebe ich nicht.”


Ein schwaches Stück kann durch einen einfallsreichen Regisseur zu einer starken Aufführung werden. Ein schwacher Text kann durch einen guten Schauspieler ungeahnte Tiefen gewinnen. Eine schlechte Übersetzung kann durch einen gedankenvollen Leser zu einem kreativen Erlebnis werden. Wenn wir nur geniale Regisseure und Schauspieler hätten oder wenn wir alle nur geniale Leser und Zuschauer wären, brauchten sich die Autoren und Übersetzer nicht so anzustrengen. Aber – wie jemand sagte – einer muß jedenfalls seinen Kopf gebrauchen – der Autor, der Übersetzer oder der Leser.


Eine Frage des Standpunkts. – Mancher rühmt sich, er stünde auf den Schultern der Vorfahren, während er in Wirklichkeit der Zukunft auf dem Fuß steht.


Einfälle können Mauern zum Einsturz bringen. Aber in der ewigen Wiederkehr des Gleichen ist es eigentlich egal, welche Mauern und Metaphern bei den plappernden Säugetieren gerade Mode sind.


Einsamkeit macht schwerhörig. Das Trommelfell wächst zu.


Elite. – “So eine Gemeinheit!” schimpfen wir, ohne zu bemerken, daß wir uns dabei selbst in den Hintern treten. Alle Wörter für Allgemein-Menschliches haben eine Tendenz, zu Schimpfwörtern zu verkommen. Nein – die Wörter haben gar keine Tendenz. Wir, die kleinen Möchtegerne und sozialen Alpinisten, wir, die elitären Hochnasen und akademischen Amtsvorsteher, wir, die eben erst in den Sattel gekletterten Ehrgeizlinge und Musterschüler – wir haben die Tendenz, uns von den andern, der Mehrheit, den “gemeinen” Menschen, der Zurückgebliebenen, Unbegabten, Kleinkarierten zu distanzieren. Es läßt sich vorhersagen: Wörter wie “menschlich” oder “gleich” werden in einigen hundert Jahren – under the given circumstances – zu Schimpfwörtern verkommen sein. Im Politikerdeutsch hat es schon angefangen: “Menschlich sein genügt nicht; man muß realistisch bleiben.”


Englische Richter sind der letzte Berufsstand, der noch Perücken tragen darf. Spricht das für oder gegen das Rechtsbewußtsein auf der Insel?


Entfremdung. – Je mehr der Mensch die Welt nach seinem Bild und Bedürfnis umgestaltet, um so fremder kommt sie ihm vor. Im Mittelalter war man dem Rhythmus des Wetters und der Jahreszeiten, dem Chaos von Kriegen, Krankheiten und Katastrophen noch stärker ausgesetzt. Aber die Menschen vermuteten hinter dem vordergründigen Durcheinander eine ewige Ordnung. Heute ist es umgekehrt: Hinter der vordergründigen Ordnung lauert die ewige Fremde.


Entsprechend dem Wort “Redewendungen” für direkte, anschauliche Ausdrücke könnte man das Wort “Redewindungen” für verlogene Umschreibungen verwenden.


Er drückte sich vor dem offenen ins gedruckte Wort. Wer den Druck der Welt nicht aushält, kann sich in der Welt des Druckes austoben.


Eros und Euros. – Die Einigung Europas hat eine ungeheure Komplizierung der Bürokratie bewirkt. Relativ problemlos klappt die Einigung Europas bisher nur in Banken und Betten.


Erste Instanz. – Der Prozeß der Meinungsbildung endet meist damit, daß ein Vorurteil gefällt wird.


Erziehungserfolg. – “Willst du sofort spontan sein!” Sofort war Peterchen spontan.


Es heißt oft, jeder Vergleich setze ein tertium comparationis voraus. Nein. Der Vergleich ist ursprünglich, er konstituiert das tertium comparationis als einen aus dem Vergleich abgeleiteten und danach weiterverwendeten Begriff. Das Vergleichen ist eine spontane menschliche, tierische, pflanzliche, atomare Fähigkeit, gleichursprünglich mit der Entstehung von Tag und Nacht.


Eskapis-Muse. – Es gibt einen lyrischen Eskapismus, den man am besten als “Druckmäusertum” zusammenfaßt.


Etikettenschwindel? – Hat man die Sklaverei abgeschafft oder hat man nur das Wort abgeschafft? Hat sich die Freiheit verbreitet oder nur das Wort »Freiheit«? Hat man Gott abgeschafft oder ihm nur andere Namen gegeben? Hat man das Mittelalter überwunden oder nur den Sprachgebrauch geändert? Sind wir keine Tiere mehr, nur weil wir uns »Menschen« nennen? Herrscht das Recht vielleicht nur, weil man es so bezeichnet? Jeder kann selbst weiterspielen. Die Sprache muß zur Rede gestellt werden.


Etymo-Logik? Nein, danke. – In der deutschen Sprache gibt es wie in jeder anderen zahlreiche Spuren uralter Gewaltverhältnisse. Zum Beispiel der Knechtungszusammenhang von “hören”, “horchen”, “gehören”, “gehorchen”. Man muss sich gegen das raffinierte Geraune der Vatersprache zur Wehr setzen.


Eugenetik. – Seit Beginn der Menschheit betreibt diese ein eugenetisches Programm zur Züchtung des Übermenschen: die ehrgeizige Verbindung von Ehe, Liebe und Kindererziehung.


Evaluation. – Das Unwichtigste läßt sich am genauesten messen. – Aber wie stellt man fest, was wichtig ist? – Es ist das, was übrigbleibt, wenn alles gemessen wurde.


Familienstand? – “Mittelmäßig”, schrieb ein ehrlicher Kandidat ins Kästchen des Fragebogens.


Feministin beim Singen der Hymne an die Freude. – “Alle Männchen werden Brüter…”


Fifty-Fifty. – Das Jesuswort “Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist” wurde von den staatlichen und kirchlichen Autoritäten früherer Jahrhunderte meist so interpretiert, daß der Einzelmensch möglichst gar nichts mehr behalten sollte.


Flurbereinigung. – Der Glaube versetzt Berge. Und hinterläßt Krater.


“Freiheit von Forschung und Lehre.” – “Wie bitte? Freiheit wovon?”


Freispruch mangels Tat. – Literatur kann sich noch so negativ gebärden: Wer schreibt, boxt nicht, wer liest, kriegt keine blauen Flecken. Literatur ist insofern immer ein Eingeständnis der Machtlosigkeit, ein Ja zu den bestehenden Lebensverhältnissen. Gesellschaftlich übernimmt Literatur die Funktion, Außenseiter auf möglichst sanfte Art zu integrieren. Indem sie sich am papiernen Protest berauschen, verzichten sie auf ihren Realitätsanspruch. Wer so naiv ist, Literatur in Realität umzusetzen, wird vor ein ordentliches Gericht gestellt. Literatur ist Kriminalität des linken Gehirnlappens und als solche ebensowenig strafbar wie Farbenblindheit.


Galilei wurde nicht deswegen verurteilt, weil er das Fernrohr auf den Himmel richtete und dadurch die Sterne näher rückte, sondern weil er es umkehrte und auf die Menschen richtete, die dadurch winzig wurden – als ob man auf einen Ameisenhaufen blickte. Es war die Auslöschung des Individuums, für die er bestraft wurde.


Gattungsprobleme. – Liebesroman: sie kriegen sich. Ehedrama: sie be-kriegen sich.


Gemeinschaft macht stark. – Nichts garantiert das gegenseitige Verstehen und Vertrauen so zuverlässig wie die gemeinsame Ignoranz.


Geschlechtsspezifische Komplimente. – Er findet sie herrlich, sie findet ihn dämlich.


Gewichtung. – Ein Gramm Liebe wiegt schwerer als eine Tonne Talent.


Gewissenserforschung ist ein Versuch, sich mit einem nassen Handtuch abzutrocknen.


Glück mit grünem Punkt. – Statt der sperrigen Beziehungskisten von früher gibt es jetzt leicht ersetzbare und voll recyclingfähige OrgasmusspenderInnen.


Goethes Motto, Ottos Replik. – “Ho mä dareis anthropos ou paideuetai: Wer nicht geschunden wird, wird nicht geformt.” – Otto: “Aber auch nicht genormt.”


Gott lacht über die menschlichen Schwächen, der Teufel über die menschlichen Stärken.


Guter Rat an einen Misanthropen. – “Schonen Sie die Umwelt: Bleiben Sie heute zuhause.”


Hagestolz. – Er fürchtete lebenslang die Beziehung zwischen Umarmung und Verarmung.


Haiku 1 (Ästhetik des sozialistischen Realismus) In der Baumkrone jodelt kein Vogel ohne I – de – o – lo – gie.


Hallo! – Er lüftete die Perücke, wie Hutträger den Hut lüften. Dadurch wurden seine Grüße immer als besonders persönliche Zuwendung empfunden. Nur Frauen und Kinder erschraken gelegentlich.


Halluzinationen. – Der Junkie war so süchtig, daß er statt “Herein” immer “Heroin” zu hören glaubte.


Hartnäckige Reue. – Der Versuch, den Ast, auf dem man saß, wieder an den Baum zu sägen.


Hauptprobe. – Als der Radikalempiriker Prof. Dr. Janos Kurath bei einer Diskussionsveranstaltung der Theologischen Fakultät Innsbruck von einem Jesuiten in die Enge getrieben wurde – “Sie können empirisch niemals beweisen, daß es kein Weiterleben nach dem Tode gibt!” – , antwortete er nur “DOCH!”, zog eine großkalibrige Pistole aus der Brusttasche und schoß sich den Kopf vom Rumpf. – So hat er sich empirisch ent- und theoretisch be-hauptet. Ja, Köpfchen muß man haben.


Heimweh des Ungarndeutschen. – Statt “Budapest” las er immer “Bundespost”.


Hi[nte]rnprodukte. – In Buchrezensionen ist oft erstaunlich ablehnend von “Hirnprodukten” die Rede. Was hat man bloß gegen das Hirn? Oder ist es ein Druckfehler? (Karl Kraus sprach gelegentlich von “Gehirnfäkalien”).


Hochzeitsreisen. – Die meisten Eheleute leben in der inneren Emigration.


Homo scribens. – Alles Geschriebene ist Teil eines jahrtausendelangen Fortsetzungsromans: Keine Pointe, die nicht verwässert, kein Quark, der nicht stark gemacht würde. Der Turm von Babel besteht aus Büchern.


Hoppla. – Man sagt ungerechterweise genau da “geistesgegenwärtig”, wo man “leibesgegenwärtig” sagen sollte.


Hosen runter. – Tatsachen sind nackt. Lügen dagegen erkennt man daran, daß sie sich keine Blöße geben wollen.


Ich gehe davon aus, daß… – Der eigene Standpunkt ist doch immer der springende Punkt bei jeder Argumentation.


Ich, das unbekannte Wesen. – Im Buch der Natur kommt das Personalpronomen der 1. Person Singular nicht vor.


Im Frühtau zu Berge. – Spätaufsteher müssen die Flurschäden bereinigen, welche die Frühaufsteher angerichtet haben.


Im heutigen Wissenschaftsbetrieb gilt: Theorien haben kurze Beine.


Im Rampenlicht. – Die englische Sprache hat für “handeln” und “schauspielern” ein und dasselbe Wort: “to act”. Ein gelungenes Bonmot auf die Politiker des Fernsehzeitalters.


In der Komik protestiert die Wirklichkeit gegen den Realismus.


In der Wissenschaft beruht jede Gewißheit der Behauptung auf einer gewissen Ahnungslosigkeit.


In einer Verlagsankündigung steht der rätselhafte Satz: “Im Zentrum der vorliegenden Studie stehen die Formen weiblicher Unterdrückung im französischen Roman des 19. Jahrhunderts.” Kann die Unterdrückung “weiblich” sein (und “Formen” haben)? Umgekehrt wäre es verständlicher: “Die Unterdrückung weiblicher Formen…” – aber das ist sicher nicht gemeint. Gemeint ist “die Unterdrückung der Frau” – was natürlich keine frauliche oder weibliche Unterdrückung ist. Ebenso wenig wie die Kritik des Mannes eine “männliche Kritik” oder die Verhaftung des Verbrechers eine “verbrecherische Verhaftung” wäre.


In Frankreich gibt es an Bahnübergängen Schilder mit der Warnung: “Attention! Un train peut cacher un autre!” Auf die Psyche übertragen, lassen sich zahlreiche Analogien bilden. “Achtung, ein kluger Einfall kann eine enorme Dummheit verbergen!”


Inkognito. – Seine Wahrheitsliebe ging nicht so weit, dass er die Perücke abgelegt hätte. Aber immerhin trug er sie unfrisiert.


Insektenforscher und Urologen liefern sich seit Jahren einen erbarmungslosen Kampf über die Priorität der Entdeckung der Urinsekten.


Intellektuelle. – Er bettelt um Meinungen, klammert sich an Benjamin und andere Leitartikler, eine zittrige Kompassnadel, die von jeder Richtung angezogen wird, aus der ein Brustton der Überzeugung zu vernehmen ist. Wer erst einmal aus den Zwängen des Lebensunterhalts entlassen ist, organisiert nun sein Freizeitdenken wie zuvor seine Arbeit. Wo früher Befehl, Not, Zwang befahl, so jetzt der Sinn, die Bedeutung. Die Interpretation wird zur flexiblen Kette, an der die Intellektuellen sich gegenseitig gängeln.


-ismus. – Je nackter die Tatsachen, desto abstrakter die Lügen.


Je forscher die Lehre, desto leerer die Forschung.


Jeder hat das Zeug zum Kolumbus. – Der Vorteil eines schlechten Gedächtnisses ist, daß man mehr Entdeckungen macht als andere Leute.


Jungwissenschaftler auf der Suche nach einer Seilschaft. – Sein Aufsatz besteht aus Verbeugungen in alle Himmelsrichtungen und endet mit einem höflich lächelnden Abgang – nach rückwärts auf allen Vieren.


Jurisprudenz. – Die Sprache des Rechts ist die Tochter des Mißtrauens.


Kalte Höflichkeit. – Er verwechselte Anstand mit Abstand.


Karriereknick. – Ich habe nie etwas angestellt, darum durfte ich Angestellter werden. Ich habe nie viel vorgestellt, daher durfte ich Vorgesetzter werden. Als ich vieles abstellen wollte, hat man mich abgesetzt.


Kaltblütige Karrierekalkulation. – “Nullen, die hinter mir stehen, verzehnfachen mich. Eine Eins, die vor mir steht, dezimiert mich.”


Keine Loge für Philo-logen. – Es gibt Seilschaften verschiedenster Interessen, aber keine für die Wissenschaft.


Kleine Rhetorik der Frisur – an den Haaren herbeigezogen. Ellipse (Glatze); pars-pro-toto (Schnurrbart); Hyperbel (Schulterlang); Archaismus (Vollbart; Knoten); Neologismus (Punk); Metapher (Afro), Euphemismus (Toupet); Oxymoron (Haare auf den Zähnen); Antithese (Langes Haar, kurzer Verstand); Parallelismus (Krauses Haar, krauser Sinn); Katachrese (Haar in der Suppe).


Kleine Überraschung. – “Wer ist denn die neue Blondine da drüben?” “Das bin ich.”


Kohlhaas. – Er genoß es mit heimlichem Lustgefühl, wieder einmal alle gegen sich zu haben, denn dadurch offenbarte sich das, was sonst verborgen ist: Die Abhängigkeit der Macht von den Schwachen, Böswilligen und Dummen. Nichts belebt den Verstand mehr als die Konfrontation mit einer ungerechten Übermacht.


Kompensation. – Das Territorium der Sowjetunion ist in viele kleine Territorialterroristen zerfallen. Zwischen Territorium und Terror besteht ein unauflösbarer Zusammenhang.


Konsequenz. – Wenn der Bock zum Gärtner gemacht wird, soll man sich nicht wundern, wenn die Gärtner bocken.


Konsequenzen der Arbeitsteilung. – “Ich denke, also existiere ich.” “Ich arbeite, also denke und existiere ich nicht.” “Ich arbeite nicht, also muß ich denken, um existieren zu können.”


Konstruktionsfehler. – Das Hirn ist immer auf der Flucht. Die Beine sind evolutionäre Bremsen.


Kulturphilosoph der Prostmoderne. – Er redet wie Hegel mit 1,8 Promille.


Konventionsverstoß. – Er warf ihm den Fehdehandschuh hin. Der andere warf ihm die Perücke vor die Füße. Ratlos blickten sie einander an.


Korrektur. – Viele “Prof. Dr. phil.” müßten eigentlich “Prof. Dr. filz” geschrieben werden.


Kummer des Demokraten. – “Ich wäre viel höflicher, wenn da nicht diese störende Etymologie des Wortes »höflich« wäre. Warum können »vulgär« und »höflich« nicht die Bedeutungen tauschen?”


Kunst geht nach Brot. – In einer Zeit, wo alles dem Geld hinterher rennt, ist die Tatsache, daß die Kunst nach Brot “geht”, ein letztes Signal von Würde und Protest.


Kunstmarkt. – “Mache ich Kunst gegen den Strich oder auf dem Strich”, fragt sich der Künstler gewissenhaft. Der Markt der Massengesellschaft ist egalitär genug, um beide Alternativen zu ermöglichen. Denn – es sind keine mehr.


L’art pour l’art ist längst abgelöst durch la science pour la science.


Ladendiebstahl. – Wer Ladeninhaber bestehlen will, begeht Ladendiebstahl. Wer Kunden bestehlen will, begeht Preiserhöhungen.


Langue & parole bzw. Monica & Hillary. – Die Zungenfertigkeiten der Hetäre und die der Intellektuellen: Bitte niemals das eine durch das andere verdrängen.


Literarischer Ruhestand des Politikers. – Reden war Silber. Schreiben bringt Gold.


Literatur und Literaturvorlesung. – Dort die Rohkost, hier das Verdaute. Welches Menu empfehlen Sie mir?


Literatur-Wissenschaft. – Dionysos in der Ausnüchterungszelle.


Lyrikwettbewerb. – Nachwuchspoeten, um die Gunst der Kritiker und Lektoren buhlend – auf dem literarischen Babystrich.


Loreley in der Fußgängerzone. – “Sie hatte einen so aufreizenden Schaukelgang, daß man sehkrank wurde.”


Lippendienst. – Der subalterne Verwaltungsbeamte beschloß, jeden Tag wenigstens einmal zu lügen – als Lippendienst an der Freiheit.


Machtmißbrauch. – Am Eingang des Waldes, wo das Kind gerne spazierenging, war ein riesiger Ameisenhaufen. Dort blieb er immer stehen, um Rindenstückchen oder Tannenzapfen in das Gewimmel zu werfen. Manchmal war er so grausam, mit einem Stöckchen die unterirdischen Verließe aufzureißen, und beobachtete staunend, wie alles drunter und drüber lief, um die weißen Lärvchen zu bergen. “Ich bin euer Gott”, flüsterte er. Und die Ameisen glaubten an ihn.


Madame de Staels berühmter Additionsfehler. – “Volk der Dichter und Denker.”


Magritterie. – Wahrheit nagt am Rand der Wirklichkeit. Wirklichkeit nagt am Rand der Wahrheit.


Mahlgeräusche aus der welthistorischen Recyclinganlage. – “Forrrt – Schritt – Forrrt – Schrott – Forrrt – Schritt – Forrrt – Schrott…”


Madonna der permissiven Gesellschaft. – Die eilige Jungfrau.


Makabre Dialektik. – Daß die erste Silbe des wichtigen deutschen Wortes “sauber” ausgerechnet “sau” lauten muß! Ähnlich abgründige Beziehungen bestehen zwischen “sterben” und “erben”, “treue” und “reue”, “hoden” und “oden”, “heiter” und “eiter”, “werde” und “erde”. Es ist zum Karl-Valentin-werden!


Man sagt oft, man habe nur laut gedacht, wenn man sich dafür entschuldigen möchte, daß man laut nicht gedacht hat.


Manche Bestseller ähneln Retortenbabys: Die Elternschaft ist außerordentlich unklar. Aber es steckt viel Aktivität dahinter – und die Bedürftigen stehen Schlange.


Marketing-Ausbildung für Verbraucher. – “Hier, nimm dieses Lexikon – darin steht die ganze Welt.” “Aber – das ist doch ein Versandkatalog.” “Richtig. Deine Welt.”


Marktlücke für arbeitslose Musiker. – “Es gibt Vokalquartette und Vokalkonzerte, aber leider noch keine Konsonantenquartette und Konsonantenkonzerte. Wär das nichts für Sie?” “Brrrrchchchhchch!”


Mauer und Scheidung. – Seit dem Erfolg der Familienzusammenführung und der deutschen Wiedervereinigung steigt die Scheidungsrate unaufhaltsam.


Mediensprache. – Sprache im öffentlichen Dunst.


Meiner Meinung nach. – Das lockere Wörtchen “Meinung” hat, im Gegensatz zur strengeren “Wahrheit”, eine dunkle Vorliebe für das Possessivpronomen. Ob zwischen “Meinung” und “mein” nicht gar eine inzestuöse Verbindung besteht?


Millionen unbekannter Genies. – Gescheit, gescheiter, gescheitert.


Miß-verständnis. – Als gerade von einer Mißernte die Rede war, mischte sich der schwerhörig gewordene Casanova ins Gespräch. “Ich habe früher auch manche Miß geerntet.”


Mit den philosophischen Gedanken verhält es sich wie mit den Regenwürmern: Sie zeigen sich nur bei schlechtem Wetter.


Mit eiserner Faust gegen muttersprachliche Mängel. – Die mitunter fanatische Jagd auf Rechtschreibfehler und Sprachfehler überhaupt ist der neurotische Versuch, die einem selbst angetane Gewalt gegen andere auszuüben, wobei man die eigene Deformation stolz in den Dienst der um sich schlagenden Normalität stellen darf. Weitere Symptome: Ordnungszwänge, Selbstaufopferungsphantasien. Daß die Begründungen für dieses Verhalten “rational” sind (“Sachzwänge”), ist Teil des Krankheitsbildes. Daß die Begründungen von der Mehrheit praktisch widerspruchlos hingenommen werden, zeigt, wie verbreitet die Neurose ist. Im Land der Betonmauern, der Medikamenten- und Sicherheitsneurotiker achtet man lieber auf die Rechtschreibung als auf den Sinn. Wann hat diese Revolution stattgefunden, bei der die Patienten die Leitung der Anstalt übernommen haben?


Moral Aid(s). – Virtus aut virus.


Mutant. – Druckfehler im Buch der Natur.


Mysterium Nietzsche. – Alles an Nietzsche läßt sich begreifen – außer seinem Schnauzbart: Ein undurchdringliches Rätsel.


Nachruf auf einen Wissenschaftler. – Er verzichtete auf seine Biographie zugunsten seiner Bibliographie.


Nachruf auf Oscar Wilde. – Gib einem Menschen die Möglichkeit, sich zu verwirklichen, und er wird mit aller Gewalt danach streben, unterzugehen.


Narziß macht einen Heiratsantrag. – “Ich liebe mich. Liebst du mich auch?”


Naturbusen. – Der junge Goethe schwärmte vom Busen der Natur – im Singular. Der alte Goethe wußte, daß die Natur viele Busen hat.


Neugeborenen zur geflissentlichen Beachtung empfohlen. – “Unser Planet bietet abwechslungsreiche Tätigkeit in gut funktionierendem Schlachthaus, mit Aufstiegsmöglichkeiten.”


Nichts zu lachen. – Wer mit sich allein ist, denkt nicht in Polaritäten. Das Alleinsein beseitigt die Kontraste.


Nietzsche, Peirce usw. – Durch viele kleine diplomatische Zugeständnisse, freundliche Kompromisse und verzeihliche Feigheiten wird die Wahrhaftigkeit ständig aus allen institutionellen Verhältnissen herausgefiltert. Das führt dann zu gelegentlichen peinlichen Eruptionen, in der Regel aber gilt: Die unpolitische Wahrheitssuche überwintert – partiell – in unangepassten, erfolglosen Außenseitern.


Immer der Nase nach. – “Wie kommen Sie bloß auf so verrückte Gedanken?” – “Ich gehe ihnen nicht aus dem Weg.”


Kollege, den jeder kennt. – Der King-Kong der Kungelei.


Kopiergeräte für jedermann. – Auch das Vorübergehendste erhebt Anspruch auf Unsterblichkeit. Zwischen Dreck und Druck gibt es keinen Unterschied mehr.


Letzter Wille. – Der zynische Bankrotteur hinterließ nichts als ein Konto bei einer Schweizer Samenbank. “Um wenigstens meine Gläubigerinnen zu befriedigen…”


Lieschen Müller hatte die Gürtellinie zum Horizont erklärt. Manche ihrer emanzipierten Töchter bleiben auch heute noch dabei, nur daß sie die Blickrichtung um 180 Grad gewechselt haben.


Macho beim Kauf einer neuen Küche: “Meine Lebensgefährtin braucht mehr Spülraum.”


Methodische Erotik sopraktischsometallisch wiedasschnappschloss dergefriertruhe blick klick sieschnurrt.


Norden und Süden. – Offensichtlich ist auch der Globus unterhalb der Gürtellinie besonders empfindlich. Solange jedoch Promoter, Schiedsrichter, Trainer, Champions ausschließlich aus dem Norden kommen, sind praktisch alle Schläge erlaubt.


Nostalgie hat immer Zukunft. – Hinter seiner Zeit zurückbleiben kann genau so befriedigen wie ihr voraus sein. Welcher intelligente Mensch gäbe sich schon damit zufrieden, nichts als Zeitgenosse der Gegenwart zu sein.


Not und Tugend. – Der Moralist macht aus der Tugend eine Not. Der Lehrer macht aus der Tugend eine Note. Der Streber macht aus den Noten eine Tugend.


Nuancen der deutschen Sprache. – Mit ü b e r setzen bezeichnet man die Fahrt ans andere Ufer, mit über s e t z e n die Hin- u n d Rückreise.


Offene Türen, die nicht ständig eingerannt werden, werden leicht zugemauert.


Orientierung. – Wer nach Wahrheit strebt, hat alle gegen sich. Wer zu den Quellen will, muß gegen den Strom schwimmen.


Oscar Wilde: Gewaltiger Körperbau, in dem aber nur der Mund, also die Sprech- und Kauwerkzeuge ungewöhnlich entwickelt waren. Eine Engelszunge in einem Koloß. Daß selbst die Zähne noch miserabel waren – gelb und lang und dünn, – konzentrierte seine Fähigkeiten noch mehr auf den verbalen Charme.


Paar-Reim Die Liebe reimt, Die Ehe – leimt.


Paradigmenwechsel. – “Grundlegend neue und allgemeine Theorie”, verkündete ein philosophischer Leithammel. “Gemeine Theorie”, echoten die Böcke. “Meine Theorie”, bestätigten die Schafe. “Eine Theorie”, blökten die Lämmer.


Paradoxe Symmetrie. – Reichtum und Armut haben eines gemeinsam: Beide sind Vergrößerungsgläser für Tugenden und Laster.


Perspektive des Pedanten. – “Die Tasten einer einzigen Schreibmaschine genügen, die gesamte Weltliteratur zu produzieren.” Ähnlich gehen Linguisten manchmal mit der Literatur um.


Perücke auf der Zunge. – Der Schönredner frisiert seinen Atem mit verbalen Dauerwellen, charmanten Intonationssträhnen und Schmachtlöckchen schmeichelnden Adressatenbezugs. Für den Erfolg braucht er allerdings gedankenlose Zuhörer.


Perückwärts. – Da er die Perücke falsch herum aufgesetzt hatte, verblüffte er die Leute damit, wie schnell er rückwärts laufen konnte. Niemand schien sein wahres Gesicht zu kennen oder zu vermissen.


Philosophie der Alltagssprache. – “Ich spreche, also denke ich.”


Philosoph am Strand. – Felsenlandschaft, Meer und blauer Himmel. Verdrießlich lauern die Gedanken in ihren Verstecken, beäugen ihre feingefädelten Spinnennetze. Bei diesem Wetter ist kein Fang zu machen. Schönheit macht fromm, aber nicht gescheit. Schlimm: der Gedanke merkt, daß er von der Häßlichkeit lebt, von der Kritik. Konsequenz: Generelles Badeverbot für Denker (Brecht wusch sich sehr ungern…).


Pluralismus. Im Land herrscht Demokratie, in der Gesellschaft Darwinismus, im Betrieb Oligarchie, im Bewußtsein Konformismus, im Unterbewußtsein Anarchie.


Podiumsdiskussion. Krähen die Hähne auf dem Mist, ändert sich’s Paradigma oder’s bleibt, wie es ist.


Poet als Seismograph. – Im Glück das Erdbeben voraushören, in der Liebeserklärung die Gleichgültigkeit des biologischen Programms vernehmen, in den Zwängen der Alltagsroutine das aggressive Potential der Erlösung entdecken. Darwin, Marx, Freud, Nietzsche – die mythischen Poeten ihrer Epoche.


Poet im Metaphernkäfig. – Verzweifelt trat er ins Zimmer. Es trat zurück. Er mußte sich nach der Decke strecken, sonst wäre sie ihm auf den Kopf gefallen. Der Schreibtisch schrieb unentwegt vor sich hin, der Drehstuhl drehte seine Runden, und die Liege machte keinerlei Anstalten, aufzustehen. Er spannte Pfeil und Bogen in die Schreibmaschine, nickte dem Briefkopf zu und umarmte eine Büroklammer. “Loslassen”, schrillte sie.


Poetik des Aphorismus. – Ein widerspenstiger Gedanke kroch aus dem Kontext davon, um sich in der freien Luft in einen Aphorismus zu verwandeln.


Poetische Triebsublimierung. – Der Wortpflanzungstrieb.


Polaroid. – Die Gegenwart dient ausschließlich den zukünftigen Erinnerungen. Das Gedächtnis überrundet das Erlebnis.


Posthumor. – “Empfänger verweigert Annahme der Sendung wegen Ablebens.”


Potemkinsche Wörter. – Sämtliche Wörter sind Euphemismen. Sie runden immer auf 100 Prozent auf. Ob zu 55 oder zu 95 Prozent “männlich”, man sagt “Mann”, ob die Liebestemperatur brennend heiß ist oder gerade noch über Null liegt, man sagt “Liebe”. Hochprozentige Wörter sind selten. Wir leben in einem sprachlichen Niemandsland. “Wir”? “leben”? “in”? usw.


Praxisbezogene Theorie. – Als das Karussellpferd müde, störrisch und aufsässig wurde, machte der Menageriebesitzer eine kleine Pause und zog dem Tier den Doktorhut der Karussellpferdtheorie über den Kopf. Stolz trabte es weiter.


Prof. Dr. XY. – Er hatte alles gelesen und alles gelernt. Nur eines nicht: Subjekt seines Wissens zu sein.


Prof. Dr. YZ. – Seit Jahren hat er nichts Wichtiges publiziert, baut aber in jeder Sitzung eloquent sein Potemkinsches Dörfchen auf.


Promillegedanken. Tee mit Rum: Promillentee.


Alles versoffen: Promillionär.


Leber kaputt: Promilleus.


Fetter Saufsack: Promilltonne, Promillschlucker.


Bardame: Die schöne Promillerin.


Provinzprofessor, vor dem Spiegel übend. – Es gelang ihm mehrmals, das Wort “Niveau” auszusprechen, ohne rot zu werden.


Prozentrechnungen. – Die Kritik an der nationalsozialistischen Infiltration des Grimmschen Wörterbuchs wurde von einem germanistischen Sprachwissenschaftler mit dem Argument zurückgewiesen, es handle sich höchstens um 0,022 Prozent aller Belege. Im Vergleich mit den zahlreichen Goethebelegen sei das ein Nichts. – Den statistischen Diskurs kann man fortsetzen: Auch das Hakenkreuz hat nur rund 0,022 Prozent der Bekleidungsoberfläche der damaligen Germanisten ausgemacht.


Prozeß der Zivilisation. – Gibt es eine nachdrücklichere Anleitung zur Selbstbeherrschung, Demut, Bescheidenheit als den täglichen Stau auf der Autobahn? Aber die Auslese ist hart: entweder heiligmäßige Sanftmut oder früher Herzinfarkt.


Psychiatrie. – Das schlechte Gewissen der Gesellschaft ist zahm und respektabel geworden, seit es einen schönen griechischen Namen bekommen hat.


Psychische Anagramme aus der akademischen Welt. – STUDENTINNEN: stunden? nein! SEKRETÄRIN: rätekrisen, krisenräte, irre kästen, irre änkste. MITARBEITER: tier im trabe, eier mit bart, treibriemat. ANGESTELLTE: reelle angstt. AKADEMISCHER RAT: adamischer kater. OBERRAT: ero-bart, aber rot. DIREKTOR: dr. erotik, rotkreid, kirretod. HABILITIERTE: ah – elitetriib! DEKAN: danke, knade. PRAESIDENT: spart ideen. UNIVERSITAET: servati eunt. sani e virtute. ani sui et veri.


Psychotheater. – Die Figuren haben kein Unterbewußtsein – sie sagen absolut alles. Also müßten sie eigentlich geheilt sein. Aber sie reden weiter. Ihre Krankheit ist ihre Geschwätzigkeit.


Raum ohne Hirn schafft Volk ohne Raum.


Recycling. – Vom Leichnam der großen Religionen nähren sich die fetten literarischen Maden.


Reduktion aufs Wesentliche. – Schere und Hammer sind geschlechtsspezifische Erfindungen, jene ist weiblichen, dieser männlichen Ursprungs. Jeweils die Reduktion auf das geschlechtstypische Fortpflanzungsverhalten. Die Abgründe der Vorgeschichte tun sich auf: Der Hammer droht mit Gewalt, die Schere mit Kastration.


Regietheater. – Jahrelang hat man die Klassiker interpretiert. Jetzt kommt es darauf an, sie zu verändern.


Reservatio mentalis. – Das ehrlichste Mitleid ist doch das Selbstmitleid. Es ist der Zwilling der Schadenfreude.


Retortenbabys. – Heutzutage hat jede Frau das Recht auf unbefleckte Empfängnis.


Rezeptionsprobleme. – Der Vortrag hieß “Das Verschwinden des Autors” und erläuterte, wie unwichtig Intention und Existenz der Verfasser für die Rezeption ihrer Werke seien. Als ein bauernschlauer Hörer das soeben Gehörte brachial auf den Redner anwenden wollte (“Verschwinden Sie endlich!”), kam es zu einem heftigen Handgemenge, das damit endete, daß die Zuhörer den Störenfried hinauswarfen. Der Redner konnte aufatmen und seinen Diskurs in aller Ruhe fortsetzen.


Richtigstellung. – Die Tochter von Herrn K.’s Wirtin las aus ihrem Lesebuch vor: “Auf der Heimkehr vom Trojanischen Krieg wurden viele griechische Helden von der Göttin Kirke in Schweine verwandelt.” Verwundert fragte das Mädchen: “Warum denn das?” Herr K. erwiderte: “Wahrscheinlich, weil der Krieg viele Schweine in Helden verwandelt hatte.”


Riskantes Termingeschäft. – Wer sich für andere aufopfert, macht einen betrügerischen Bankrott und spekuliert auf fragwürdige Fegefeuererleichterungen oder himmlische Subventionen.


Rotkäppchen und Direktor Wolf. – “Vorgesetzter, warum hast du so kleine Ohren?” – “Wie bitte?”


Schizophrenie. – Sein Kopf rief die Diktatur aus. Da ging der Leib ins Exil.


Schmerz – der unerläßliche Rohstoff wahrer Kunst.


Schöne Feministin. – Attraktive Hardware, aggressive Software.


Schreibtischtäter. – Er wurde wegen Vorspiegelung richtiger Tatsachen mit einem Schreibverbot belegt.


Schule der Nationalisten. – Uniformiert und uninformiert.


Schummrige Bar in der Altstadt. – Am Klavier klimperte ein rotnasiger Spirituose.


Schwamm drüber. – Herr K. führte ein Theaterstück auf, in dem die Feigheit der Intellektuellen grausam deutlich angeprangert wurde. Als die Kritiker überraschenderweise schrieben, dem Stück mangele es an Mut und Klarheit, meinte Herr K. nachdenklich: “Sie haben begriffen.”


Schwierigkeiten mit dem deutschen Präteritum. – Vergessen, vergasen, vergessen.


Science Fiction. – “Ein Retortenbaby bitte.” “Sacher, Sahne, Schwarzwälder Kirsch oder was?” “Oderwas, bitte. Kenn ich noch nicht.”


Selbstmörder am Schreibtisch. – Jede Gehirnwindung mündet in eine Sackgasse.


Self-destroying pedagogy. – Am schnellsten veralten jene Lehren, die zum Nutzen der Jugend aus der Vergangenheit gezogen werden.


Sex-Appeal des Anarchismus: Ohne Oben.


Sicheres Versteck. – Es gibt Menschen, die ihre Perücke unter einer Glatze tragen.


Sieg nach Punkten. – Nach einem Gespräch unter vier Augen war er wieder k.o.operationsbereit.


Sitzungen. – Sitzungen dauern genau so lang, wie es dauert, bis sich der kleinste gemeinsame Nenner durchgesetzt hat.


Sitzungen. – Was ist schlimmer: Das matschige Hirn oder das matschige Rückgrat?


So oder so. – Es gibt zwei Richtungen der modernen Übersetzungswissenschaft. Die eine behauptet, um richtig übersetzen zu können, müsse der Mensch eine Maschine sein. Die andere: Um richtig übersetzen zu können, müsse die Maschine ein Mensch sein.


Soldaten – potentielle Mörder? – Besser: Menschen, potentielle Mörder.


Spätherbst, wenn die Baumskelette sichtbar werden. – Das Leben ist eine vorübergehende Verschleierung tödlicher Wahrheiten.


Sprache und Denken. – Die Sprache ist die Infrastruktur im Land des Denkens.


Stabilität auf lange Sicht. – Mit dem Wahlspruch “Wir drücken beide Augen zu” drängten die Blinden an die Macht. Doch mit dem Slogan “Wir stehen mit beiden Beinen fest auf der Erde” verteidigten die Lahmen ihren winzigen Vorsprung.


Startschuß zum Rentenalter. – “Los! – Fertig!! – Auf die Plätze!!!”


Stilfigur. – “It’s nice to be important, but it’s more important to be nice.” Eine hübsche Studentin übersetzte: “Es ist schön, wichtig zu sein, aber es ist wichtiger, schön zu sein.”


Stilfragen. – Es ist oft schwer zu unterscheiden, ob ein komplizierter Stil die Folge gedanklicher Komplexität ist – oder ob es sich um Stelzen handelt. Klare Gedanken können sich Transparenz leisten; sie verzichten auf sekundäre Legitimation.


Stilkritik. – Es gibt Formulierungen, denen man die stilistische Perücke abnehmen muß, um die Nichtigkeit des Gedankens zu beweisen.


Stillgesessen! – Im deutschen Wort “übersetzen” ist die elementare Körpererfahrung des mönchischen Übersetzens enthalten: Seßhaftigkeit, Stuhlgebundenheit, Behäbigkeit, Reglosigkeit, Stillhalten. Etwas dynamischer wären Wörter wie überbringen, überführen, übergeben, überreichen, überweisen usw. Aber nein: Die schwerfällige Körperlichkeit der germanischen Höhlen- und Zellenbewohner hat sich durchgesetzt, das Hosenbodenständige des deutschen Geisteslebens, das hartleibige Sitznomadentum.


Stoßseufzer für alle Gelegenheiten. – “Auch Reaktionäre gehen mit der Zeit.”


Strategie der modernen Zweierbeziehung. – Vereint schlafen, getrennt kassieren.


Sublimierung. – Die gedrückte Kreatur wird zum gedruckten Kreator.


Suchen und Finden. – Das Kind findet, ohne zu suchen. Der Jüngling sucht und findet. Der Mann sucht, ohne zu finden. Der Greis vergißt, was er suchen wollte.


Tabu. – Das sogenannte Selbstverständliche ist die vorlaute Antwort auf Fragen, die man nicht stellen darf.


Theater aus der Sicht des Schauspielers. – Einübung in die Vergänglichkeit.


Theaterkritik. – Es ist schwieriger, die Nuancen der Oberfläche zu verstehen, als, mit der Sinnfrage bewaffnet, die Oberflächlichkeit zu verurteilen. Wer nicht für Nuancen empfänglich ist, läßt die Realität immer nur durchs grobe Sieb seiner Abstraktionen rinnen und stellt enttäuscht fest, daß wieder nichts für ihn dabei war.


Theorie und Praxis. – Geisteswissenschaftler sprechen von Kreativitätsmodellen und dergleichen im Brustton der Überzeugung. Wenn sie dann praktische Beispiele geben sollen, ertönt plötzlich eine dünne Fistelstimme.


Therapeutische Wirkung des Haarewaschens. – Man darf sich ungehemmt die Haare raufen. So erklärt sich auch die emotionale Wertschätzung des Friseurberufs: Sich die Haare raufen lassen!


Tierischer Applaus. – Die zarte Melodie klingt aus, der Künstler blickt auf: Da tobt der Beifallssturm los, tierische Bravoschreie, wildes Klatschen und Stampfen: Alles widerlegt die vorangegangene Sublimität der Kunst als sublime Lüge. Der eben noch mit verklärter Miene seinen animalischen Trieben entrückte Künstler lächelt befreit, befriedigt, empfindet den wüsten Lärm als streichelnde Genugtuung. Welch ein Umweg des Ego! Was wird hier bejubelt? Die Länge des Umwegs? Die Perfektion der Maskerade? Oder ist der tosende Jubel der erlösende Karneval des Körpers nach der selbstverordneten Fastenzeit?


Tierischer Ernst? – Ungerechtigkeit der Sprache: Nur die Tiere sind tierisch ernst, die den Menschen ausgeliefert sind. Der tierische Ernst der Tiere hat also dieselbe Ursache wie der tierische Ernst von Menschen: Folge einer Beschädigung.


Titel für eine Festschrift. – “Immer in Eile – und immer in die falsche Richtung.”


Tragische Anekdote. – Oberstleutnant von Leibnitz hatte auf dem Offiziersball im Kasino das Unglück, daß ihm, exakt als er vor Kaiser Wilhelm eine stramme Verbeugung machte, ein lauter Flatus entwich. Mit blutrotem Kopf stürzte er aus dem Saal und erschoß sich draußen vor der Tür. Nach dem Knall schüttelte Majestät den Kopf und murmelte: “Det zweite Mal war ja noch lauter.”


Translatorische Rezeptionsanalyse, target-oriented. – Was ist hohe Literatur? Literatur für höhere Kreise. Was ist niedere Literatur? Lektüre für die Unterschicht. Was ist also Bratwurst? Es ist das, was Bratwurst-Esser essen.


Transparenz, fadenscheinig. – Auf dunklen Wegen an die Macht Gekommene plädieren immer sofort für Transparenz. Sie stoßen die Leiter weg, der sie ihren Aufstieg verdanken.


Trost des Alters. – Wachsende Vergeßlichkeit überrundet wachsende Reue.


Trotzalter der Vernunft. – “Unsere nationale und kulturelle Identität…”


Überläufer. – Der Lebenslauf vieler Wissenschaftler besteht aus zwei deutlich unterschiedenen Hälften. In der ersten Hälfte freuen sie sich, wenn sie auf Widersprüche stoßen, und entlarven mit berechtigtem Entdeckerstolz die Widersprüche ihrer Vorgänger. In der zweiten Hälfte ärgern sie sich, wenn sie auf Widerspruch stoßen, und verteidigen mit berechtigtem Besitzerstolz ihre Widersprüche gegen ihre Nachfolger.


Übliche Widersprüche. – Sprachlehrer, die ihren Schülern die Sprache verschlagen. Weinhändler, die ihren Kunden blauen Dunst vormachen und sich am Profit berauschen. Parteien, deren Kampf für die freie Marktwirtschaft durch Bestechungsgelder motiviert wird. Reiche Industrieländer, deren Hauptexport in die Hungerzonen aus Kriegsrüstung besteht. Werbeagenturen, die durch teure Kampagnen die Glaubwürdigkeit von Schwindlern und Heuchlern produzieren. Schriftsteller, die in sozialer Isolierung für die Solidarisierung der Menschheit plädieren…


Unauffällige Beleidigungen. – “Es war wieder einmal selten schön bei Ihnen. Haben Sie nochmals viehlen Dank. Grüßen Sie auch Ihre liebe Frau gans herzlich.”


“und/oder”. – Eine der irritierendsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts ist die Konjunktion “und/oder”. Wenn man sich die logische Abkürzung als Wegweiser vorstellt, erblickt man ein Denkmal der Orientierungslosigkeit.


Unwichtige Außenseiter. – Statisten, die in keiner Statistik vorkommen.


Variante zu Friedrich Schlegel, Fragment 12. – “In dem, was man Sprachwissenschaft nennt, fehlt gewöhnlich eines von beiden: Entweder die Wissenschaft oder die Sprache.”


Varianten der Pädagogik. – Erstens, die Kunst, Schwieriges einfach darzustellen: Das Genie. Zweitens, die Kunst, Schwieriges schwierig darzustellen: Der Professor. Drittens, die Kunst, das Einfache schwierig erscheinen zu lassen: Der deutsche Professor.


Vergeßlichkeit – die Muse der Entdeckungen.


Verpflichtet zu Lehre und Forschung. – Das dozierende Oxymoron: Wegweiser und Wegsucher zugleich.


Viele Politiker standen schon vor der Wahl, zurückzutreten oder zurückzutreten. Die einen haben erst zurückgetreten und sind dann zurückgetreten. Die andern sind erst zurückgetreten und haben dann zurückgetreten.


Vom Nazismus zum Narzißmus. – Die Großväter verstecken die Vergangenheit (no past). Die Enkel verzichten auf die Zukunft (no future).


Von Geschmack reden diejenigen am meisten, die von Kunst keine Ahnung haben.


Vorschlag zur Reduktion von Komplexität bei schwierigen Entscheidungssituationen in demokratischen Gremien sowie zur Beseitigung unnötiger bürokratischer Formalitäten. – “Ich!”


Vorsicht, Einfallgefahr. – Aphorismen sind die ruinöseste Art des Denkens. Sie blockieren Einbahnstraßen und bringen Fassaden ins Wanken.


Vorübergehende Bindung. – Als sich die Liebe nicht einstellte, wurde sie eingestellt.


Dies ist keine vollständige liste der zitate von ©-Prof-Dr-phil-habil-Rainer-Kohlmayer. Zitate anderer autoren sind ebenfalls verfügbar.